Mitteleuropäische Arbeitstage: Bukarest


Was in Bukarest auffaellt: Der Audi Q5 verdraengt langsam den Porsche Cayenne aus dem Stadtbild. Und wenn es dunkel wird, ist es stellenweise finster – richtig finster. Die beeindruckenden Kabelinstallationen, die zu den unverkennbaren Bukarester Wahrzeichen gehoeren, scheinen gelegentlich Schwaechen zu haben. Die an sich schon spaerliche Strassenbeleuchtung verzichtet auch manchmal mitten in der Stadt darauf, ihren Dienst zu tun. Eine europaeische Hauptstadt strassenweise in voelliger Finsternis – das hat Seltenheitswert. Hausbesitzer wissen damit umzugehen und beleuchten ihre Vorgaerten mit eigenen Spots – was auch fertigen und gepflegten Haeusern einen gewissen Baustellencharme verleiht.






Bukarest wirkt wie eine orientalische Stadt, die im vorvorigen Jahrhundert auf Paris- oder London-Style umgebaut wurde. Dazu kommen ein paar kommunistische bis mediterrane Plattenbauten und der eine oder andere klassizistische oder ebenfalls kommunistische Protzpalast.
Zwischen all dem ist die Stadt bedrueckend schoen – und so verfallen, dass kaum zu glauben ist, dass Ceausescus Hinrichtung schon 20 Jahre her ist. Auch das Denkmal fuer die ueber 500 Toten des 21. Dezember 1989 ist ein windschiefes Eisenkreuz.
Ich hab ja eine Schwaeche dafuer; jedermanns Sache ist das vielleicht nicht.
Die Lipscani Zona, das Viertel um die ehemalige Leipziger Strasse direkt neben dem Finanz- und Kulturzentrum bietet ein paar Antiquitaetenlaeden, einen ueberteuerten Carhartt-Shop, Hippie-Laeden – und alte rumaenische Troedler. Designershops sind recht lieblos die Calea Victoriei entlang gefaedelt – so unauffaellig, dass man sie im Vorbeigehen praktisch uebersieht, vielleicht auch weil man auch als Fussgaenger auf den Gehsteigen immer wieder auf Schlagloecher achten muss…
Bukarest ist weniger eine Einkaufsstadt, aber – in Reichweite – ein Tor zu einer sich aendernden Welt: Nicht ganz unbekannt, aber schon deutlich anders.

Und dann sind da natuerlich noch die Hunde: Sie schlafen in Buswartehuetten, unter Autos, in Parks. Anscheinend werden sie gefuettert und versorgt, viele sind mit gelben Ohrmarken gekennzeichnet und immer wieder liegen Futterreste auf der Strasse. Und sie sind durchaus liebenswert.

Was blieb haengen:

  • Zona Lipscani: Eine der schoensten Kombinationen von Aufbau und Verfall in Europas Staedten.
  • Piata Romana: Ein ueberdimensionaler Cola-Becher mit Strohhalm leuchtet an der Fassade eines Hauses an der Suedwestseite. Das macht Freude. (War allerdings an diesem einen Abend auch ohne Strom…)
  • Kabelrollen und Schlagloecher: Die wahren Wahrzeichen dieser Stadt.
  • Unscheinbares Shopping: Designerlaeden sind da, aber ohne Raum zu greifen oder den Platz zu besetzen. Das liegt vielleicht auch daran, dass noch offen ist, welcher Platz besetzt werden soll, was das zukueftige Zentrum werden soll. Bukarest hat mehrere gleichwertige Zentren – und das ist einer der groessten Hoffnungswerte fuer die Stadtentwicklung…

Mitteleuropäische Arbeitstage: Belgrad

Am Flughafen herrscht Rauchverbot, der Taxifahrer schnallt sich an – beides war nicht immer so.
Der Taxifahrer spricht englisch – auch das ist neu. Er stellt die ueblichen Fragen (oft hier? Verheiratet? Viel unterweg?) und verlangt trotz vorangehender Verhandlungen den dreifachen Preis. Das ist nicht neu. Wir einigen uns auf das eineinhalbfache des empfohlenen Preises. Dafuer bekommt er kein Trinkgeld.
„Dies ist eine lächerliche Hauptstadt; sogar noch schlimmer, eine anrüchige Stadt, schmutzig und desorganisiert. Seine Lage aber ist umwerfend“, schrieb Le Corbusier 1910 ueber Belgrad.
Die alte Stadt karmpft mit dem Altern, in Novi Beograd am anderen Ufer der Save wirken Wohnblocks in Stil von Raketenabschussrampen, mit in die Fassaden gerissenen Loggiaschluchten und der allgegenwaertigen Klimaanlagen-Satellitenschuessel-Kombination wie Kriegsveteranen. Es handelt dich aber um Architektur. Kriegsschaeden sind nicht mehr sichtbar.



Kalemegdan, die Hauptattraktion, ist ein Park mit Ruinen und weiter Aussicht.
Von dort fuehrt die Knez Mihajlova, die einzige Fussgaengerzone, durch die Stadt. Die meisten Geschaefte haben bis 21 Uhr geoeffnet. Und auch nach Ladenschluss, waehrend rundherum ein bisschen Nachtleben entsteht, sind die Geschaefte nicht leer. Es wird aufgeraeumt, inventiert, renoviert, umgebaut – selbst ist derGeschaeftsmann.
Bei einem Durschnittseinkommen von 300 Euro zaehlt Selbermachen zu den effizientesten Investitionen. Ueberziehungszinsen fuer das Bankkonto liegen inflationbedingt fuer in Dinaren gefuehrte Konten bei bis zu 45%. Krise hatten wir immer schon, nehmen es die Serben gelassen.
Die Zahl der Menschen in Kaefigen ist auffaellig hoch: Sie sitzen oder stehen in winzigen Staenden, verkaufen Nuesse, Kaugummis, Bier. Manche stehen nur in Ecken und verkaufen Blumen oder Sonnenbrillen.
Außerhalb der Fussgaengerzone und der wenigen touristisch aufgeschlossenen Strassen ist schwer zu erkennen, wie die aktuelle Umgebung einzuschaetzen ist. Oeffnet der Boardshop die Rollbalken am naechsten Morgen wieder? Sitzen die Kids abends im Park, weil sie kein Geld haben, oder weil sie bei ihrer Beschaeftigung keine Zeugen brauchen koennen?

Trotzdem – auch von nur einem Abend – ein paar sehr subjektive brauchbare Erinnerungen:

  • Supermarket: Concept Store nach Berliner oder Amsterdamer Vorbild; Bar, Restaurant, Shop, Ausstellungsflaeche und Spa in einem.
  • Ramax – made in Serbia: Minishop des serbischen Modelabels Ramax in der Milleniumcity, einer kleinen Passage an der Knez Mihajlova.
  • Die Bruecken und Ufer von Donau und Save zu jeder Tages- und Nachtzeit: Nicht jedermanns Sache, aber trotzdem den extra Fussweg wert.
  • Und schließlich: immer wieder Gelegenheiten in den Buchantiquariaten der Stadt – auch in mehreren Sprachen.

Print unter Druck – Schuld sind die Werbeagenturen… :)


Print unter Druck ist das aktuelle Schwerpunktthema von De:Bug. Mehrere Beitraege gehen den Fragen nach, ob es mittlerweile praktikable Erfolgsmodelle fuer Printmedien online gibt, wie vielversprechend neue E-Book-Reader sind und wo das eigentliche Problem der Printbranche liegt: Denn der Papierbedarf sinkt keinesfalls: Einer in De:Bug zitierten Studie des Druckerherstellers Brother zufolge steigt der Pro-Kopf-Bedarf an Papier weiterhin – vor allem im Zusammenhang mit papierlosen Workflows. Die Zahlen sind eindrucksvoll: Zuletzt stieg der jaehrliche Papierverbrauch pro Person von 214,6 auf 256,4 Kilo. Das ist mehr als ein Kilo pro Arbeitstag.

Es gibt also durchaus noch die hartnaeckige Gewohnheit, lieber auf Papier zu lesen – solange der Unterschied zwischen Hochformat-Papier und Querformat-Bildschirmen bestehen bleibt, wird es auch immer noch nachvollziehbare Vorteile haben, auf Papier zu lesen.

Warum klagen Zeitungen und Magazine trotzdem ueber abnehmendes Geschaeft?
Worueber klagen sie genau? – Im Vordergrund stehen meist nicht Leserzahlen, sondern Werbeeinnahmen.
Wenn ich mein eigenes Lese- und Kaufverhalten betrachte, kaufe ich jetzt wieder mehr Magazine als vorher. Ich lasse mich online auf Themen aufmerksam machen, und wenn ich die Vermutung habe, ein Heft enthaelt einige interessante Themen, dann kaufe ich es. Ich kaufe sogar teure Einzelausgaben, auch dann, wenn ich alles auch online lesen koennte.
Warum? Onlinemagazine sind nach wie vor oft lieblos gemacht, Printausgaben haben den Vorteil, das Gesamtkonzept von Blattlinie, konkretem Inhalt und Layout besser zu transportieren. Die Kodifizierung des Ungesagten funktioniert auf Papier nach wie vor besser als online: Was ist das Online-Aequivalent von Hochglanz, Yellowpress oder Qualitaetszeitung? – Die optischen Standards werden noch zu oft gemischt und gewechselt, um als etablliert und aussagekraeftig gelten zu koennen. Und ja, ich schaue auich auf die Werbung und darauf, wie die Inserate gestaltet sind. Auch das gehoert – fallweise – zum Gesamtkonzept eines Magazins.
Was heisst das fuer Verlage? – Es gibt vielleicht weniger treue Leser, aber mehr potentielle, die weniger mit Abogeschenken, aber dafuer mit Inhalten abgeholt werden koennen.

Wer malt dann trotzdem den Onlineteufel an die Wand? Mein Verdacht: Fuer Werbeagenturen ist es weit lukrativer, integrierte Gesamtauftritte mit Animationen, Designvarianten und Filmchen fuer Online zu verkaufen, und es macht auch mehr Spass, sich am naechsten Viral-Guerilla-Videospot zu versuchen, als Printanzeigen und Advertorials zu variieren.
Qualitativ ist das kein Quantensprung seit der Einfuehrung des Fernsehens, nur durfte an die teuere Fernsehwerbung nicht jeder ran. Jetzt sind auch Dilettanten an den Futtertoepfen angelangt und verwandeln auch einst lesbare Webseiten in Homeshoppingh-Channels.
Komplettpakete koennen aggressiver verkauft werden – kleine Erfolge auf diesem Gebiet stehen auch weit mehr in der Auslage als grosse Erfolge auf den klassischen Gebieten.

Fazit: Ich glaube nicht, dass inhaltlich gesehen Magazine bedroht sind.
Was sich bereits geaendert hat, ist der Weg zum Leser: Statt Titeln werden Stories gekauft, statt Abos Ausgaben. Was sich aendern wird, sind Produktionund Distribution: Das flaechendeckende Streuen ueber grosse Netze ist vielleicht wirklich kaum noch leistbar. Neue Formen von On Demand, auch wenn noch immer problematisch, und Micropublishing sind fuer mich hier die vielversprechenden Formen.

Noch eine Veraenderung meines Leseverhaltens habe ich festgestellt: Ich lese untewegs kein Papier, verschwende meine Zeit nicht mit U-Bahn-Gratiszeitungen, sondern lese unterwegs (auch im Flugzeug) ausschliesslich am Laptop oder am Smartphone. Unterwegs ist Papier unpraktisch. Ein Abend ohne Bildschirme, dafuer mit schoen gestaltetem Papier, ist dagegen nostalgisch-romantisch…

PS: Hier kann die aktuelle De:Bug-Printausgabe bestellt werden… 🙂

Not a gadget – aber was dann?

„You are not a gagdet“ ist nicht nur der Titel von Jaron Laniers aktuellem (ersten) Buch, es bringt auch dessen Essenz gut auf den Punkt: Lanier gibt sich nicht mit Kulturkritik zufrieden, ihm geht es um das ganze. Er stellt gleich die Frage: Was ist eine Person? Wie wird das, was eine Person ausmacht, durch aktuelle Entwicklungen in Onlinemedien beeinflusst?
Jaron Lanier ist nicht irgendein Kulturnostalgiker: Der Super-Geek, Erfinder des Begriffs „Virtual Reality“ und Web-Visionaer steht ueber dem Verdacht, nichts von Onlinemedien zu verstehen und Althergebrachtem nachzutrauern.
Dennoch plagt ihn angesichts von Social Networks, Web 2.0 und Wikipedia ein deutliches Unbehagen, das auf den ersten Blick an papierene Schirrmachers oder Thurnhers erinnert: Der Verlust der individuellen Autorenstimme, die Zerstoerung der oekonomischen Grundlagen von Kultur und der Mangel an Innovation sind die wesentlichen Punkte, die Lanier der neuen Netzkultur ankreidet.

Technik wird von Menschen benutzt, insofern habe ich immer wieder Probleme mit Darstellungen, die direkte Technikfolgen beschreiben. Ich gehe eher davon aus, dass neue Technologien und Medien- gerade online – wenig neues bringen, aber vieles, das schon da ist, sichtbarer machen. Neues entsteht eher in den Beziehungen, und in so manchen Ueberraschungseffekten, die die neue Sichtbarkeit mit sich bringt. – Und das ist oft weder innovativ, noch nett…

Sind wir auf multiple choice reduziert?

 

Lanier argumentiert, dass die bereitwillige Einordnung in Netzwerke, die Reduktion der Person auf Checkboxen (Name, Interessen, Beziehungsstand,…), tatsaechlich die Person reduziert: Wir benehmen uns so, als waeren wir nicht mehr, tauchen nur in einzelnen Blitzlichtern auf und haben schon lang darauf verzichtet, selbst etwas zu machen. So haesslich die Webseiten der Neunziger waren, so individuell und autorengetrieben waren sie – technisch und inhaltlich.
Die Reduktion und einebnende Gleichmacherei (Lanier verwendet auch gezielt den Begriff Maoismus) fuehrt zu Uberschaetzung der Crowd und zum Ausschluss von Innovation. So gut ud praktisch die Crowd bei Alltagsaufgaben sein mag, sie ist nicht innovativ. Nichteinmal innovative Crowdbewegungen wie Open Source, Free Software oder Wikipedia haetten etwas neues hervorgebracht, sondern nur eigene Varianten des Bestehenden. Stallmans Idee, einen eigenen, freien Unix-Klon zu schreiben, ist fuer Lanier aehnlich konservativ wie Hinterglasmalerei (nach Vorlagen) – das haben wir doch schon, wozu es nochmal machen? Wenig entgegenzusetzen ist auch der Frage, warum fuer jedermann interessante Innovationen wie das iPhone nicht aus der Open Source-Ecke kommen, sondern von den sektiererischen Egomanen von Apple.
Mit dem Aufstieg von Wikipedia ortet Lanier schliesslich sogar einen Knick in der Produktivitaet des Internet: Viele interessante Webseiten zu speziellen Randthemen seien zur Zeit des Aufkommens von Wikipedia zuletzt upgedatet worden – ein Zeichen dafuer, dass das oberflaechliche Instantwissen die produktive Auseinandersetzung mit Themen verdraenge.
Die Vernachlaessigung und schliesslich Missachtung von Kreativitaet und Innovation fuehre dann auch dazu, dass mit beiden Punkten auf kuenstlerischem Gebiet kein Geld mehr zu machen sei.
Erst gegen Ende versucht Lanier ein paar versoehnliche Seiten zu schreiben und entwickelt eine sehr geekige Perspektive zur „Future of Humour“.

Vergleichen verkleinert – uns und unseren Horizont

 

Was machen wir daraus? Die Tendenz unserer aktuellen Onlinemedien, Randthemen zu ignorieren („Auf dem Weg zum Einheitsblog“), Suchmachschinenoptimierung als Ausloeser einer Killerspirale fuer unpopulaere Themen („An den Grenzen des Internet“), merkwuerdige Veraenderungen in der Wahrnehmung von Werten und deren Relevanz („Leben mit Wertenomaden“, „Superinfluencer: Die neuen Experten fuer eh alles und ohne jede Ahnung“), Kritik an Wikinomics („Don Tapscott ist nicht mehr mein Freund“) und die Frage, ob wirklich schon gegessen ist, dass das Web ein Marketinginstrument ist („Respekt und die Onlinemarketingpest“) beschaeftigen mich ja nun schon laenger.
Laniers Analyse verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Vergleichen verkleinert. Je mehr Beziehungen wir herstellen (und das ist eine der Hauptaufgabe der sozialen Medien), desto mehr werten wir, ob wir wollen oder nicht: Wir sehen anderen beim Leben zu und fuehlen und dann besser oder schlechter. Das ist qualitativ nicht neu, quantitativ aber erreichen wir eine neue Dimension.
Wir vergleichen uns mit Mittelmass, und geben uns dann mit Mittelmass zufrieden. Oder damit, besser als Mittelmass zu sein – was ja auch noch nicht viel ist.
In Facebook lebt uns jeder sein Leben vor – In „Gala“, „Bunte“ oder „Interview“ gibt es wenigstens irgendeine Einstiegshuerde, um zur Projektionsflaeche fuer das Publikum zu werden.
Die Qualitaet des Vergleichs allein ist aber noch nicht das Ausschlaggebende: Problematisch ist der Vergleich selbst. Denn nicht nur Vergleichen reduziert zum Mittelmass, konsequent zu Ende gedacht kommen wir auch an den Punkt, an dem auch Wettkampf nur Mittelmass produziert. Besser sein reicht nicht, um innovativ zu sein, noch nie Dagewesenes erreicht man nicht damit, besser als andere zu sein.
Das sind wir aber gewohnt. Und wir haben zuletzt oft gehoert, dass die Cloud oder Crowd inspirierend, korrigierend, smarter ist als wird, und dass wir ihr geben sollen, was sie verlangt.
Das gilt vielleicht fuers Marketing.
Fuer produktive Prozesse halte ich’s eher mit Lanier und schaetze auch wieder ein bisschen Ignoranz (es zaehlt nicht immer nur, was zurueckkommt) und Nabelschau im eigenen Sud. Auch wenn die korrektive Ohrfeige des Kollektivs dann manchmal um so schallender ist – aber das kann ja auch heilsam sein.
Oder, um es direkt mit Lanier zu sagen: Nicht jeder Blogpost muss veroeffentlicht werden – bis er wirklich raus muss. Und es ist kein Fehler, fuer die Produktion eines Videos hundert mal so viel Zeit zu brauchen wie dafuer, es sich anzusehen.

Trust Ex – Vertrauen in Onlinemedien: Warum eigentlich?


Es hat ein Weilchen gedauert.
Trust Exchange Research startete als praxisorientiertes Forschungsvorhaben mit einer Interviewserie und einigen Gastpostings von Bloggern, Forschern und anderen Experten.

Dann herrschte zugegebenermassen ein wenig Funkstille.

Was mich vor allem stutzig gemacht hat, war die Tatsache, dass alle Befragten immer wieder grosse Namen und Marken als vertrauenswuerdig angefuehrt haben; zusaetzlich waren Analogien und Ueberleitungen aus der Offline-Welt sehr haeufige Mittel, um Vertrauen zu begruenden. – Und das, wo das Sample doch sehr onlinelastig gewaehlt war.
Das unterschwellige Fazit: Am effizientesten sind Medien als Ueberzeugungswerkzeuge (wenn wir das einmal als einen der Zwecke von Vertrauen voraussetzen) dort, wo sie nicht weiter auffallen. Das gilt nun fuer viele praktische Innovationen: Die erfolgreichsten sind die, die man nicht merkt, weil sie sich scheinbar von selbst ergeben und einfach eine Luecke schliessen, ein verbreitetes Problem loesen.
Auch Vertrauen ist dort am umfassendsten gegeben, wo es gar kein Thema ist: Wo sich die Frage nicht stellt, wird sie auch nicht mit Nein beantwortet.
Ja- oder Nein-Entscheidungen waren den meisten leicht moeglich; eine Begruendung oder ein nachvollziehbarer Plan zur Konstruktion weit weniger.
Nachdem die meisten Entscheidungen aber nicht auf online-spezifischen Kriterien beruhten, draengte sich die Frage auf: Warum ist gerade im Zusammenhang mit Onlinemedien Vertrauen so wichtig?

Die veraenderte Fragestellung (nicht: Warum und worauf vertrauen wir online?, sondern: Warum halten wir Vertrauen im Zusammenhang mit Onlinemedien fuer wichtig?) bringt einige Aenderungen in Methode und Arbeitsschritten mit sich.

Abweichend vom ursprueglichen Plan sind Gegenstand und Methode der Untersuchung von Vertrauen jetzt philosophischer Natur. Warum? Genau das ist die Frage, die sich nach den Schritten gestellt hat: Warum ist gerade im Zusammenhang mit Onlinemedien Vertrauen ein so wichtiges Thema? Die Frage ist nicht: Warum halten wir Vertrauen fuer wichtig?, sondern: Warum setzen wir im Streben nach Vertrauen so grosse Hoffnung in Onlinemedien?
Wo ist der Unterschied zu klassischen Medien, zum direkten Gespraech und zu anderen Kommunikations- und Organisationsformen?

In dieser Frage enthaltene Fragen sind:

  • Was sind in diesem Zusammenhang relevante Arten von Vertrauen?
  • Welche Lebensbereiche sind von dieser Thematik betroffen? – Es geht um Erkenntnis, um Ethik, um politische und wirtschaftliche Werte – was noch?
  • Welche Eigenschaften welcher Medien sind hier relevant?
  • Wer sagt ueberhaupt, dass wir 1.) Vertrauen wollen und 2.) dabei Hoffnungen auf Onlinemedien setzen?

Die Frage nach dem Warum fragt hier also sowohl nach Eigenschaften von Onlinemedien als auch nach mit Onlinemedien verbundenen Formen des Vertrauens.

Diese Fragestellung habe ich nun etwas konkreter formuliert, und sie wird mich die naechsten Monate begleiten.

Trust Ex-Fragestellung revisited

Medien sind eine kommerzielle Veranstaltung. Produkte – gestaltete Information redaktioneller oder werblicher Natur – werden an Konsumenten gebracht. Weder fuer die Gestaltung noch fuer den Konsum ist grundsaetzlich Vertrauen erforderlich. Es ist ein geschaeftlicher Austausch; fuer den Moment betrachtet, ist hier nicht viel Vertrauen erforderlich. Geschaeftliche Vorteile schlagen sich auch auf anderen Gebieten nieder.
Der Produzent bekommt Geld, der Konsument Unterhaltung, Information oder anderen Mehrwert.
Vertrauen wird dort wichtiger, wo Beziehungen langfristiger organisiert werden sollen, wo die Auswahl so gross ist, dass Preisentscheidungen oder andere rationale Kriterien nur schwer genutzt werden koennen um als Anbieter hervorzustechen, oder wo die direkten Reaktionen der jeweils anderen Seite deutlich spuerbar sind.

Die Betonung von Vertrauen bedeutet also

  • die Suche nach einer Abkzuerzung auf dem Weg zu einem Verkaufsabschluss
  • Anzeichen von Besorgnis bei den Maechtigen
  • die Suche nach Sicherheit von beiden Seiten aus – dabei ist Vertrauenswuerdigkeit sowohl eine Eigenschaft des Gegenuebers als auch des Mediums

Hypothese

Die grundlegende Hypothese dabei ist, dass sowohl Vertrauen als auch der digitale Raum, in dem Onlinekommunikation stattfindet, negativ definierte Begriffe sind.
Beide werden oft ueber Abgrenzungen und Verneinungen definiert: Digtale Information hat keinen Koerper, ist nicht an einen Ort gebunden; Vertrauen bedeutet, nichts zu befuerchten zu haben, etwas nicht als Bedrohung zu empfinden.
Unterschiedliche Analogien rund um Onlinemedien und andere digitale Medien zeigen, wie Vertrauen (in diversen Auspraegungen – als Hoffnung, Erwartung, Machtdemonstration, Vorleistung etc.) instrumentalisiert wird, um die durch die negative Definition entstehende Luecke zu schliessen.

Das passiert, so die Vermutung, auf zwei scheinbar entgegengesetzten Wegen:

  • Dekontextualisierung bedeutet die Nutzung digitaler Medien, um Ballast zu entfernen und mit der Information selbst (die auf Code und Zeichen reduziert wird) zu arbeiten.
  • Rekontextualisierung bedeutet die Nutzung einer anderen Eigenschaft digitaler Medien, um Information und Bedeutung ueber vielfaeltig verfuegbare und leicht herzustellende Beziehungen anzureichern und zu analysieren.

Kontext reduzierende Strategien entsprechen der erkenntnistheoretischen Betrachtung des Problems: Koennen wir einen direkten Weg zur Erkenntnis freimachen, zeichnen sich Onlinemedien in dieser Hinsicht durch irgendetwas aus?
Kontext erzeugende Strategien sind ethisch oder aesthetisch fokussierte Strategien. Sie beschaeftigen sich mit Zusammenhaengen, Wertsystemen und ableitbaren Normen und Konsequenzen.

Methode

Fuer die Suche nach philosophischen Antworten auf die Frage warum Vertrauen in dieser Konstellation wichtig ist, ist die Frage in mehrere Detailfragen zu teilen.
Was sind Zweck und Folge von Vertrauen, welche Erwartungen sind damit verknuepft?
Was sind die Voraussetzungen von Vertrauen, unter welchen Umstaenden kann dieser Zustand erreicht werden?

Disziplinen zur Beantwortung dieser Fragen sind Erkenntnistheorie, Ethik und Aesthetik.

Vertrauen in erkenntnistheoretischer Hinsicht befasst sich mit folgenden Themen:

  • Vertrauen und Gewissheit – wie weit kann das erkennende Subjekt seinen Sinnen (Werkzeugen) vertrauen? Wie veraendert sich diese Frage durch die Verwendung von Onlinemedien?
  • Welche Rolle spielt Vertrauen bei der Entwicklung von Kooperation (Kooperation ist eine der wichtigsten Funktionen von Onlinemedien).

Die letzte Frage leitet ueber zur ethischen Dimension.

  • Warum wollen wir Vertrauen, mit welchen Werten sind Vertrauen und dessen positive Bewertung verbunden?
  • Was erwarten wir von Vertrauen, wie soll/darf damit umgegangen werden?
  • Was sind soziale Konsequenzen von Vertrauen; was haben wir davon?

Am Rande sehe ich noch eine aesthetische Komponente, die sich mit formalen und normativen Aspekten von Onlinemedien und deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Vertrauenswuerdigkeit befasst.

Methode – Analyse praktischer Phaenomene

Praktische Phaenomene, die zur Veranschaulichung und Analyse herangezogen werden, sind das Free Software Movement, diverse Zertifizierungs- und Bewertungssysteme in Onlinemedien (Web of Trust, Rap Leaf, Ebay-Ratings etc.), das sich formierende Konzept von Outernet und Augmented Reality und praktische Beispiele aus dem Marketing in und ueber Social Networks.

Zweck

Zweck der Anayse der Frage, warum Vertrauen in Onlinemedien wichtig ist, ist es, Orientierung ueber die in dieser Frage eingeschlossenen Fragen und Konsequenzen zu geben: Welche Annahmen zu Ethik, Positionierung in der und Erfassung der Welt werden im konkreten Zusammenhang vorausgesetzt, wenn Vertrauen gefordert wird, was gilt umgekehrt, wenn Vertrauenswuerdigkeit gefordert wird (Vertrauen entgegen gebracht wird)?

Auf dem Weg zum Einheitsblog


Auf dem Wehg zum Einheitsblog

Mach mit – und zwar mit uns. Der Imperativ ist stark und duldet keinen Widerspruch. „Im Abendverkehr hat auch jeder ein Ziel – nach Hause. Andere Botschaften kommen fort nicht an. Auch wir haben ein Ziel, also stell Dich uns nicht in den Weg.“
So deutlich formuliert Chris Brogan in „Trust Agents“ die alles verschluckende Dominanz der Mehrheit. Wir sind und einig – etwas anderes brauchen wir nicht.
Wie ist unter diesen Voraussetzungen jemals Widerspruch moeglich, wie kann neues Entstehen?
So praktisch demokratisch das Web einerseits ist, indem es alle Widersprueche zulaesst und sofort publiziert und jedem die gleiche Stimme einraeumt, so schrecklich demokratisch ist es auch: Die Mehrheit ueberdeckt gleich alles. Nur was alle sagen, wird gehört.

Alle reden vom selben

 

Diese Tendenz ist nicht nur durch Suchmaschinen, Marketing, Netzwerke und Communities verstaerkt – sie gehoert zu den Grundzuegen der Kulturbetriebe, wie wir sie kennen. Und die Tendenz zur Vereinheitlichung ist dabei, einer der deutlichsten immanenten Charakterzuege von Blogs zu werden: Alle reden vom selben.

Konsens ist einerseits die Voraussetzung fuer Dialog (unter anderem zu lesen bei Gadamer), aber was ist mit bloßer Reproduktion?
Aggregation ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, geradezu eine Existenzrechtfertigung fuer Onlinemedien: niemand muss mehr bis zur Quelle gehen. Aggregierung und Spezialisierung erweitern unseren Horizont. Wir erfahren – durch die Vermittlung – Dinge, von denen wir sonst nie gehoert haetten. Bis das Feld zu dicht wird: Je erfolgreicher einzelne sind, je weiter Erfolgsrezepte verbreitet sind, desto mehr Raum nehmen sie ein. Erfolgreiche Information wird zum Selbstlaeufer und zur pervertierten Farce, die nur noch um der Verbreitung willen verbreitet wird – bis dann doch spaeter, oft auch ueber grosse Umwege, Zahltag ist. Wer die User hat, kann sie abkassieren, egal womit.
Soweit so gerecht; niemand muss in diesem Spiel mitspielen.

Ist das Web hauptberuflich Marketer?

 

Was mich interessiert, sind Antworten auf die Frage, ob tatsaechlich schon gegessen ist, dass das Web ein Marketinginstrument ist. Was urspruenglich eine Verwendung neben vielen war, nimmt heute unhinterfragt ueberhand. Ich habe gerade erst heute 200 „hey guys I´m single again hit me up at…“-Twitteraccounts geblocked, habe alle Bilder und Links aus meinen echt verwendeten Mailaccounts gefiltert und bin manchmal von meinen eigenen Statusupdates in Twitter oder Facebook leicht angewidert, wenn sich durch eine Verkettung verschiedener Autofeeds eine spamaehnliche Serie von sehr aehnlichen Empfehlungen ergibt. Aber zum Glueck haben wir ja in der Regel ein sehr kurz fokussiertes Gedaechtnis.

Interaktive Medien, Rueckkanaele, User Generated Media gelten als Hoffnungstraeger freier Produktivitaet (zumindest in meinem 90ies-Webzugang; korrigiert mich), derzeit potenzieren Blogs und erst recht Social Network Updates eher das Online-Problem von Tageszeitungen und anderen klassischen Medien: Sie sind Aggregatoren vergangener Ereignisse.
Sie berichten ueber was war, fassen zusammen, verkuerzen, verlinken – und anstatt weiterzuverzweigen, linken sie eher immer oefter auf immer weniger erfolgreiche Inhalte. (Ist das eine neue Entwicklung oder ist die nur erst jetzt sichtbar geworden?)
Heftige Verlinkung, die Wiedergabe von Nachrichten mit persoenlicher Note, der kommentaraehnliche Stil verstaerken diesen Effekt. Angaben zum Mengenverhaeltnis zwischen originalen und wiederholenden Blogposts variieren stark: zwischen 80 und 20 Prozent – je nachdem, ob man dem Beobachter (klassischen Medien) oder der Szene selbst (Technorati – State of the Blogosphere 2009) glaubt.
Mit knapp 15 ausgewaehlten Blogfeeds im Google Reader kann man muehelos mit der Informationsgeschwindigkeit der Industry Analysts mithalten. Geschieht nichts neues unter der Sonne? Oder koennen wir nicht ueber mehr reden, als wir es jetzt schon tun? – Das ist ein spannendes Missverhaeltnis: Einerseits ist es kaum vorstellbar, dass so viel Nennenswertes passiert, wie in Netzwerken verbreitet wird. Andererseits sind es immer dieselben Punkte. Gibt es nichts anderes, was uns beschaeftigt?
Vernetzung nivelliert eher nach unten als Horizonte zu erweitern. Eigendynamik gewinnt das, was alle wolllen. Und Information fliesst umso leichter, je weniger Ballast sie mitbringt; Verkuerzung ist ein wesentlicher Antriebsfaktor zur allgemeinen Beschleunigung. Das ist normales Marketing nach dem Stille-Post-Prinzip.

Vernetzung bis zur Entropie

 

Zur Debatte steht dabei fuer mich, welchen Nutzen diese Art von Medienproduktion fuer den User hat: Er wird auf Information aufmerksam gemacht, erfaehrt allerdings nur, wo er mehr erfahren kann. Diese Art der Information ueber eine Vielzahl von Verweisen entfernt den User eher von der Information, anstatt die Information zum User zu bringen.

Reproduktion fuehrt zu Vernetzung bis zur Entropie: Alles haengt dicht mit allem zusammen, besteht eigentlich nur noch aus Verweisen und unterscheidet sich letztlich gar nicht mehr von dem, was es kommentieren, berichten oder kritisieren moechte. – Das ist nicht als Zen-Weisheit gemeint.
Mit reproduktiven Techniken und Medien fuehlen wir uns wohl. Fernsehen funktioniert so, alle absenderorientierten Medien funktionieren so – und auch im Kulturbetrieb sind die reproduktiven Prozesse die eindeutig gewinntraechtigeren: Schauspiel, Musikinstrumente; Theaterauffuehrungen, Konzerte – da gibt es klare Regeln, es lassen sich herrliche Traditionen und Meister-Schueler-Verhaeltnisse heraufbeschwoeren, es gibt Gut und Boese und kontrollierbare Ausbildungsanstalten. Das Publikum weiss, was es erwartet, Sponsoren bewegen sich relativ gefahrlos in berechenbaren Umgebungen; es entsteht ein Kunstbegriff, der von Koennen abgeleitet wird. – Das gilt fuer Handwerk auch.
Produktive Techniken, sie sich mit einem leeren Blatt Papier auseinandersetzen, sind was Ausbildung und Verwertungsprozesse betrifft, weit zurueck. – Wo Musikkonservatorien oeder Musikschulen als serioese Institutionen gelten, haben Malakademien oder Schreibwerkstaetten allenfalls esoterischen Touch.
Produktive Medien, die neue Inhalte schaffen, sind nahezu ein Widerspruch in sich. Das bestaetigen nicht nur klassische Medien in ihrer Hauptfunktion der Reproduktion von Klischees, sondern auch Hoffnungstraeger neuer digitaler Innovationen: Suite 101 sammelt Content von selbstdefinierten Experten, die auf Umsatzbeteiligung hoffen, andere aktuell als am Puls der zeit gehypte produziert hat nur massgeschneiderte Werbeauslagen mit Wegwerfcontent: Die Schwerpunkte der aktuellen redaktionellen Inhalte richten sich danach, welche Begriffe gerade haeufig gegoogelt werden, aber noch nicht uebermaessig viel Resultate bringen. Zeitgenoessische Medien – oder was dafuer gehalten wird – fuellen diese Luecke tagesaktuell.
Diese Superaggregation erinnert an Portalkonzepte von vor 15 Jahren.

Verstehen, was wir immer schon gewusst haben; Anderes gibt es nur gegen das Gemeinsame

 

Dennoch ist die Sache fuer mich noch nicht gegessen. Auch wenn Blogger nur reproduzieren, dann tun sie das wenigstens selbst: Sie schreiben ihre Fussnote, faerben mit ihrer Note – und nicht mit der die von irgendwo vorgegeben wurde.

Unterschwellig ist der Trend zum Einheitsinhalt ein maechtiges Vehikel zur Identitaetsbildung, zur kontrollierten Entwicklung von Diversitaet. Unterschiede sind nur vor einer gemeinsamen Projektionsflaeche sichtbar, sie sind nur dort relevant, wo es auch Gemeinsamkeiten gibt. Wo es keine Beruehrungspunkte, Ueberschneidungen, Reibungsflaechen gibt, ist Raum fuer Gelassenheit, Gleichgueltigkeit – wahrscheinlich begegnet man sich kaum und wenn doch, dann interessiert man einander nicht.
Mit der achten Reproduktion eines wiedergekaeuten Themas, das in diversen Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Radioshows und eben auch Online Medien gespielt wird, haben wir die Gelegenheit, Position zu beziehen. Fragwuerdige Belanglosigkeiten wie die xte Twitterstudie (“40 Prozent der Beitraege sind Geschwaetz”) bieten eine guenstige Gelegenheit zur Differenzierung. Wir bringen das wieder, faerben die Nachricht gemaess unserer Einstellung, schliessen mit einem kurzen Kommentar und haben Profil gewonnen, ohne persoenlich werden zu muessen, ohne Farbe bekennen zu muessen.

Wer nicht vom Gleichen redet, gehoert nicht dazu

 

Das ist die sozial vertraegliche Variante von Witzen auf Kosten anderer.
Wichtig wird das dann, wenn wir trotzdem einmal Position beziehen muessen. Mit einem neuen, persoenlichen, individuellen Standpunkt koennen wir paradoxerweise nicht sowie Profil gewinnen wie mit Reproduktion und Kommentaren – der neue Standpunkt hat zu wenig Beruehrungspunktwe, es wird wenig Orientierungshilfe mitgeliefert. Das oeffnet Missverstaendnissen Tuer und Tor und es geht um alles oder nichts: Wer sich nur mit sich selbst beschaeftigt ist entweder ein Superstar oder ein misstrauisch beaeugter Sonderling (oder ein Fall fuer die Psychiatrie).
Die Reproduktion von Einheitsinhalten und -ansichten schafft so widersinnigerweise mehr Profil als die Beschaeftigung mit eigenen Inhalten und Themen: Auf der einen Seite tun wir einfach, was wir tun, auf der anderen Seite tun wir weniger, sind aber gleichzeitig in einem Dialog darueber, was die anderen von uns halten sollen.
Darum, um an den Anfang zurueckzukehren setzt Dialog schon voraus, dass wir uns vorstellen koennten, auch einer Meinung zu sein.
Wenn das nicht so ist – ist das die Voraussetzung fuer ein besonders produktives (im wahrsten Sinne des Wortes) Gespraech?

Entspricht die Tendenz zur Entropie unserer natuerlichen Faulheit?

 

Als sichtbare und lesbare Manifestation eignen sich Blogs genauso als Marketingflaeche wie Bandwettbewerbe, Tattoos oder Trendsportcommunities: Sie fassen zusammen, vereinfachen und sind in aggregierter Form leichter verdaulich als im einzelnen.

Wir sind wir gilt ueberall. Der Umfang wird anders gesteckt, das Funktionsprinzip aber bleibt gleich. Spannender als die Suche nach dem Anderen ist deshalb die Frage nach den einenden Grundsaetzen: Was ist es, das fuer uns Zusammenhaenge stiftet? Wo haben wir doch die Basis, auf der das funktioniert, was uns allen gefaellt?

Don Tapscott ist nicht mehr mein Freund


WikinomicsIch habe jetzt „Wikinomics“ gelesen, um das Buch nicht nur als eines der „Ja, eh“-Schlagworte auf dem fernen Radar zu haben. Es steht nichts Unsinniges oder Falsches drin – aber die herauslesbaren Botschaften sind ziemlich kontraproduktiv – sogar gefaehrlich.

  • Aus Unternehmer- oder Managersicht gelesen ist Wikinomics das Manifest moderner Ausbeutung – Partizipation als Opium fuer die Peers: Lass sie mitreden, bis sie muede sind, nimm das Beste – und dann dreh den Hahn ab.
  • Wikinomics, in Tapscotts Beschreibung, ist ein Projekt mit allen Kriterien wie aus dem Projektmanagementlehrbuch: Komplex, verfolgt ein klares Ziel, und hat zeitliche und raeumliche Grenzen. Wenn das Geschaeft optimiert ist, das Wissen der Massen abgegrast ist, dann gehen wie wieder zur Tagesordnung über.

Oder doch nicht?
Ein Autor der sich so lang und so intensiv mit Online-Phaenomenen beschaeftigt wie Tapscott, sieht sicher ueber die Grenzen dieser Beschreibungen hinaus und bereitet mit den fehlenden Schlussfolgerungen bloss schon den naechsten Bestseller vor, um nocheinmal die effizienten, gewinnbringenden Mechanismen der traditionellen Publishingindustrie auszunutzen.

Die beiden Punkte, die mich besonders stören, sind einerseits die

  • Vermischung von Open Source und Free Software, andererseits
  • die fehlende Konsequenz bei der Darstellung von Mashups als Geschaeftsmodellen und Wikis als Arbeitsplatzmodellen.

Der Reihe nach: Open Source vs. Free Software ist nicht nur eine Frage der Begriffsdefinitionen, sondern der Reichweite und des Einflusses eines theoretischen Hintergrunds, der miteinbezogen wird. Open Source ist pragmatisch: Vier Augen sehen mehr als zwei, also lass uns gemeinsam arbeiten. Das aendert aber nichts an den Eigentumsverhaeltnissen des Folgeprodukts: Modifizierte Open Source-Software gehoert oft trotzdem noch dem urspruenglichen Eigentuemer und darf auch von den beteiligten Partnern nicht weitergegeben werden. Die Offenheit dient nur der Effizienz.

Free Software verfolgt ueber die qualitative Effizienz hinaus noch das Ziel, Produkte und die Ergebnisse von Weiterentwicklungsprozessen frei zu halten: Jeder darf, unter den Free Software-Bedingungen, alles weiterentwickeln und veraendert – unter der Bedingung, dass die Ergebnisse ebenfalls wieder als Free Software zur Verfuegung gestellt werden (wobei free nicht gratis bedeutet, sondern eben offen; ob und wieviel Geld fuer Software verlangt wird, ist kein Thema fuer Free Software).
Unter diesem Gesichtspunkt ist es etwas schmerzhaft, wenn Tapscott die vielen durch offene Collaboration erreichten Patente von IBM als Beispiel fuer den Erfolg von „Open Source oder Free Software Movement“ anfuehrt – aus Free Software Sicht sind nur Patente noch schlimmer als Copyrights: Sie schraenken nicht nur Veraenderung ein, sondern sind ueber Crosslizensierungsprogramme auch effiziente Erpressungsinstrumente: „Ich geb dir meins, dafuer musst du mir auch deins geben…“

Freie Zusammenarbeit, wie sie unter Free Software Bedingungen oder auch unter einer meiner Ansicht nach konsequenten Umsetzung des Wiki-Ethos passieren kann, hoert hier nicht auf: Fuer den Zulieferer (Mitarbeiter) ist es witzlos, Beitraege zu liefern, wenn diese nur 15 minutes of fame, eventuell einen Bonus und kurzfristig gestiegenes Selbstwertgefuehl bringen. Die Anerkennung diese Arbeitsprozesse muss sich auch so auswirken, dass die weitere Nutzung gemeinsamer Entwicklungen anderen Regeln folgt als bisher. Aus diesem Grund stuetzt sich das Free Software Movement auch massiv auf Juristen und die Formulierung eigener Copyleft-Lizensierungen.

Ohne die Bedingung der Weitergabe von Freiheit (wie sie durch Copyleft festgeschrieben ist) bringt Collaboration scheinbar einfach nur mehr vom gleichen, und das vielleicht sogar noch zu guenstigeren Preisen.

Und das ist meines Erachtens schlicht falsch, auch ganz sachlich betrachtet und ohne jeden ethischen oder politischen Kontext.

Das fuehrt zu meinem zweiten Punkt.

Der Einsatz von wikiaehnlichen Modellen der Zusammenarbeit in Unternehmen bedeutet, das Ordnung und Zusammenhänge „is created by demanding active involvement from users in ways of organizing and creating their own information architecture“ schreibt Tapscott. Diesen Prozess in Gang zu bringen, erfordert viel Ermutigung, Training und Unterstuetzung; wenn er aber einmal laeuft, ist er unumkehrbar. Die Verantwortung, selbst Zusammenhaenge herzustellen, Beziehungen sichtbar zu machen, so Ablauefe und Ansichten zu erzeugen, ist nicht jedermanns Sache. Die Zurverfuegungstellung von Mitteln macht nicht jeden zum Visionaer.

Das Reverse Engineering einmal auf diese Art etablierter Informationsarchitekturen, ist allerdings aus Effiziengruenden praktisch unmoeglich: Wer einmal losgelaufen ist, fuehrt die Bewegung an; und diesen Weg nachzuzeichnen, ist etwa genau so aufwändig wie der Versuch, einen neuen Weg zu finden.
Das gibt einen Hinweis auf eventuelle neue Macht für den Einzelnen durch die Nutzung von Collaboration- und freien Gestaltungsmöglichkeiten.

Fluidity, diese vom Philosophen definierte Eigenschaft digitaler Information, die schnelle Verbreitung, Veraenderung und Weiterverarbeitung ermoeglicht, ist das Schmiermittel in Informationsprozessen, die in immer neuen Kombinationen immer mehr Zusammenhaenge erzeugen und sichtbar machen (darauf komme ich immer wieder zu sprechen…).

Der oft zu kurz kommende zweite wichtige Punkt im Arbeiten mit Wikis ist, dass nicht nur die Verbesserung gegebener Inhalte möglich ist, sondern genauso die Herstellung von Zusammenhängen. Zusammenhänge sind nicht nur Abläufe von hier nach dort, sie sind auch die sinnstiftenden Hintergründe für neue Ideen oder fuer die Interpretation einzelner Schritte in diesen Abläufen.

Das ist Macht. Das erfordert Verantwortung. Und, aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und Beschleunigung dieser Prozesse: Das erfordert Medienkompetenz als eine der wichtigen Eigenschaften, die in diesen Prozessen Orientierung ermoeglichen.

„The Internet doesn´t primp itself with the pretense that it’s words are guaranteed to be true“, schreibt Tapscott gegen Ende und bezieht sich damit auf das Spannungsfeld zwischen Pluralismus und Relativismus, Qualitätsanspruch und Authentizität. Wir arbeiten daran, ist dem entgegenzuhalten.

Die Mechanismen von Autorität, Authentizität, Vertrauenswürdigkeit, Qualität in Onlinemedien und digitaler Kommunikation zu untersuchen, halte ich für weit spannender, als Tips für die effiziente Nutzung potentieller Massenweisheit zu geben. Erfolgsstories gibt es hier immer erst im nachhinein. Denn auch die Nutzung und Aufbereitung dieser Massenweisheit steht zuerst ziemlich schnell vor der Frage: Wem glauben? Und warum?

Micromedien: Mehr Sturheit, bitte


Olivio Sarikas praesentierte auf dem Videocamp Vienna mit viel Elan ein Kooperationskonzept fuer Medien und User, das die Vorteile von klassischen Medien (Reputation, Reichweite, Finanzierung) mit den Vorteilen von usergetriebenen Onlinemedien (fachliches Knowhow, Authentizitaet, Tempo) kombinieren soll.
Der an sich begruessenswerte Plan sieht vor, eine Plattform zu entwickeln, auf der Produzenten aus diversen Bereichen Medien (Text, Bild und Video) zur Verfuegung stellen, Copyrights und Verrechnung abklaeren, damit „professionelle“ Medien sich daraus bedienen, um ihre Berichterstattung zu ergaenzen, schneller mehr Material zu haben und das Wissenm der Crowd zu nutzen (fachlich sind User oft besser informiert als Journalisten).

Ich hoffe, ich habe das so weit richtig verstanden.

Und es erinnert mich frappant an Leserreporter-Konzepte von Medien wie VG, Aftenbladet, oe24 oder der Kleinen Zeitung, die teils schon wieder am Verschwinden sind.
Das Problem dabei war nicht, dass User zu wenig oder „schlechten“ Content geliefert haetten.
Das Problem ist, dass trotzdem nur mehr vom gleichen verkauft wird. Praesenz in Medien schafft ja keine neue Realitaet: sie macht sie sichtbarer, bringt sie in darstellbare Form, faerbt sie, macht sie transportierbar, aber sie fuegt (hoffentlich) nichts hinzu.
Manchmal ist das schwer vorstellbar, aber es gab auch journalistische Arbeit vor dem Internet. Damls musste man mit Leuten sprechen; es brauchte manchmal (und das ist gerade mal 15 Jahre her), einen ganzen Tag um mit zwei Leuten zu sprechen, weil man sie nicht einfach googlen konnte und weil sie lieber persoenlich als am Telefon reden wollten.

Ich habe keine Zweifel daran, dass Nicht-Journalisten wertvolle Inhalte liefern koennen und dass das journalistische Handwerk (was Recherche und Aufbereitung von Information betrifft) gut erlernbar ist (Packeln und Schnueffeln dagegen sind eher Veranlagungssache), aber ich habe Zweifel, dass das die Medien die wir kennen brauchbarer macht. Klar, Faulheit ist ein wichtiger Faktor, und je leichter etwas geht, desto eher wird man es tun, aber dennoch bleibt es die Hauptaufgabe kommerzieller Medien, Klischees zu bestaetigen, Weltbilder zu reproduzieren und taeglich gewohnte Pfade zu gehen.
Mehr Information, die durch einen Filter laufen kann, aendert die Funktionsweise des Filters nicht.

Gibts auch einen produktiven Input von mir? Nachdem das Problem so alt ist, ist die Loesung nicht einfach. Ich sehe allerdings keinen Sinn darin, die klasschischen Medien als Lieferant zu bedienen, um deren Prozesse zu verstaerken.
Was ich jetzt nicht auf den Punkt bringen kann, was mich aber weiter beschaeftigen wird, ist eine Analogie des Umgangs mit Information zum Umgang mit Software, wie ihn Free Software-Prediger Richard Stallman in seinen Essays (als pdf oder als Buch) beschreibt.
Das trockene Fazit: Kreativitaet, Ideen, Wissen alleine sind nichts wert. Sie sind selbstverstaendlich, ueberall verfuegbar, recherchierbar und ersetzbar – das haben wir uns mit den omnipraesenten Medien und der Kommunikation in Lichtgeschwindigkeit eingebrockt.
Nur die Umsetzung zaehlt (das habe ich – ungenau – hier zu sagen versucht). Viel schoener fasst das eben Rochard Stallman: Software – und andere Ideen – sollten keinen Besitzer haben, und selbst wenn man an der Idee ( am Copyright) verdienen koenne – viel mehr gibt es an Customizing, Wartung und Dokumentation zu verdienen.
Der Verzicht auf das schnelle Geld durch die Abloese von Rechten ist kein karitatitver Akt, sondern ein Zeichen der Macht. Wir schaffen etwas, was wir ausbauen und kontrollieren koennen.
Deshalb – und weil es ihnen die Macht in die Haende zurueck spielt – sollten wir unser Material nicht den alten Medien ueberlassen. Abgesehen davon, dass es sie ohnehin nicht interessieren wird.

Trotzdem brauchen wir noch immer funktionierende Geschaeftsmodelle. Was in der Softwareentwicklung zu funktionieren scheint, gibt es fuer die Medienwelt noch nicht. – Noch immer ist nicht fuer jeden klar, dass ein schlecht formulierte Text ebenso kontraproduktiv ist wie schlechter Code. Aber auch die Verbreitung dieses Wissens sabotieren klassische Medien durch schlechte Recherche, formloses Gestammel mit erzaehlerischen Maengeln im Radio oder unvollstaendige und unkorrekte Formulierungen und nicht funktionierende Metaphern und Redewendungen in gedruckten Texten.
Moechte da wirklich jemand frewillig mitspielen?