Karl Polanyi – The Great Transformation

Es ist auch ein Worst Case-Fall, ein Negativbeispiel für ein besserwisserisches, sektiererisches Elfenbeinturmbuch. Andererseits: An welches über siebzig Jahre alte Fachbuch stellt man noch den Anspruch, auf allen Ebenen auf der Höhe der Zeit zu sein?
Karl Polanyis „The Great Transformation“ erschien 1944, wurde schon damals eher skeptisch beäugt und verschwand dann recht bald in der Schublade jeder wissenschaftlichen Arbeiten, die man weder kennen noch verbreiten noch bekämpfen muss. In den vergangenen zwanzig Jahren allerdings erlebten Polanyis Theorien allerdings ein großes Revival. Ein Höhepunkt zwischendurch ist der Sammelband „Die große Regression“, in dem sich fast jeder Autor auf Polanyi beruft.
 
Worum geht es im Kern: Polanyi argumentiert, dass der Kapitalismus zwangsläufig Auflösungserscheinungen traditioneller Gesellschaftsformen mit sich bringe und damit den Boden für autoritäre Regime aufbereite. Dazu argumentiert er, dass der Handel keineswegs einem „Drang“ des Menschen entspringe oder entspreche (so wie frühkapitalistische Theorien argumentierten), sondern in soziale Strukturen eingebunden gewesen sei. Tausch und Handel waren für Polanyi ritualisierte Interaktionsformen, die überlieferten Regeln folgten und nicht auf individuelle Neigungen zurückzuführen seien. – Frühere Soziologen haben genau diese ritualisierten Tauschformen dann ja eher als irrationalen Gegenentwurf zum Kapitalismus interpretiert, als geradezu zerstörerische Verpflichtung: Die Stammesführer, die in Marcel Mauss’ „Die Gabe“ im Podlatch (der ritualisierten Tauschform) Güter austauschen, stehen einander in Mauss’ Interpretation in einem eher kriegerischen Verhältnis gegenüber, indem sie den anderen zu immer größeren Gegenleistungen verpflichten.
Polanyi sieht die Dinge anders. In seinem Drang, andere dumm aussteigen zu lassen, ergeht er sich in seitenlangen Anspielungen und Andeutungen über historische Fakten, Zusammenhänge und deren vermeintliche Fehlinterpretationen, die seine eigene Argumentation völlig in den Hintergrund treten lassen. Es ist dieser besserwisserische Tonfall, der fremde und vermeintlich schlechte Theorien lang ausführt, deren eigene Argumente gegen sie sprechen lassen möchte und dabei den Leser, der vielleicht nicht von vornherein Polanyis Standpunkt teilt, etwas ratlos zurücklässt.
Seine eigenen Fakten (oder deren Interpretation) erklärt Polanyi kaum – nicht weil sie nicht stimmten, sonder anscheinend ebenfalls aus einem starken akademischen Dünkel heraus. Es finden sich viele Formulierungen wie „es ist offensichtlich“, „es kann nicht sein“, „es liegt auf der Hand“ ,“man kann sich darauf einigen“, die seine Argumente eher in Frage stellen als sie zu stärken. Seine These von der Zerstörung traditioneller Gesellschaften durch die Marktwirtschaft mag nachvollziehbar sein, seine Argumente sind allerdings meist so universalistisch platt wie die jeder Totalitären gegen die er argumentieren möchte.
Besonders schlimm und entlarvend ist das, wenn Wissenschaftler mit dem gleichen Eifer in Fachgebieten wüten, in denen sie definitiv keine Expertise haben. Bei Polanyi sind das Afrika und der Kolonialismus. Beide zieht er im Vorbeigehen in wenige Absätzen heran, um seine These von der Zerstörung traditioneller Gesellschaften durch die Marktwirtschaft zu erhärten. Dass die Marktwirtschaft im kolonialen Afrika nur als Zerrbild in den letzten Ausläufern durch jene, die abstrahierte und unmenschliche Ziele durchsetzen musste, präsent war und nirgendwo sonst auf der Welt marktwirtschaftliche Ziele durch das Abhacken von Gliedmaßen befördert hat oder dass Sklaverei nicht gerade dem Idealbild des Tauschgeschäfts entspricht, übergeht Polanyi zugunsten seiner Theorie in einem Nebensatz. Allerdings waren es im Kolonialismus gerade diese direkten und blutigen Maßnahmen, die wohl um einiges mehr zur Zerstörung von Gesellschaften beigetragen haben, als das Aufkommen von Tauschgeschäften oder anderen Handelsbeziehungen.
Hier wird also deutlich, wie sehr Polanyi alles seiner Theorie unterordnen möchte.
 
Was bleibt dann und warum bewegt dieses Buch noch heute? Jeder Versuch der Erklärung totalitärer Strömungen ist heute wichtig und verlockend (auch wenn Zeitdokumente eher belegen, wie sehr und oft man sich dabei auf die letztlich falschen Momente konzentriert).
Polanyi beschreibt allerdings auch einige Grundsätze und historische Beobachtungen, die fast in Vergessenheit geraten sind und dennoch wichtige Leitbilder für aktuelle Diskussionen wären.
Eine dieser historischen Perioden, um die sich vieles in Planyis Buch dreht, sind die Speenhamland-Beschlüsse, die in England Ende des 18. Jahrhunderts zunehmende Armut bekämpfen sollten. Armut war damals auf den Rückgang der kleinteiligen Selbstversorger-Landwirtschaft zurückzuführen; Grundbesitzer wollten ihr Land effizienter und vor allem für Schafzucht nutzen – das kostete viele kleine Pächter ihre Existenzgrundlage.
Die Speenhamland-Beschlüsse waren eine Art Mindestsicherung, die vorsah: Sollte eine Arbeiter zu wenig verdienen, da musste sein Einkommen aus der Gemeindekasse aufgebessert werden. Diese schöne Vorstellung zur Vermeidung von Armut in schwierigen Zeiten führte dazu, dass Löhne ins Bodenlose fielen: Arbeitgeber mussten nichts mehr bieten, weil Arbeiter ohnehin die Aufzahlungen bekamen, Arbeiter mussten es sich drei Mal überlegen, ob sie als selbstständige Handwerker kleines Geld verdienen oder als landwirtschaftliche Arbeiter das garantierte Mindesteinkommen in Anspruch nehmen wollten, und ein fehlgeleitetes Fördersystem führte dazu, dass Arbeitgeber, die eine Mindestzahl an ohnehin schon geförderten Arbeitern beschäftigten, zusätzliche Förderungen erhielten, um die für ihren Aufwand zu entschädigen. Die Konsequenz waren die wirtschaftliche Stagnation der Arbeiter auf sehr niedrigem Niveau, schlechte Qualität der Arbeit, weil es keine Leistungsanreize gab, schlechte Arbeitsbedingungen, weil Arbeitgeber Arbeitskräfte gleichsam wie Zwangsarbeiter behandeln konnten, und ein Verfall landwirtschaftlichen und handwerklichen Wissens, weil sich die Mehrzahl der Arbeiter auf das Grundsicherungsmodell einließ.
Der Gegenentwurf einer Gesellschaft, in der jeder seinen Platz hat, wichtige Beiträge leistet und dafür geachtet wird, ist eine schöne Vision. Praktisch wurden die Speenhamland-Beschlüsse (die eigentlich nie als formelles landesweites Recht erlassen, aber trotzdem so betrachtet wurden), als man griffige Handhaben gegen revoltierende Arbeiter brauchte. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, als sich in Europa Arbeiterunruhen abzeichneten, kehrte in England so der Hunger als politisches Druckmittel zurück – teilweise als Liberalismus verbrämt, der die Freiheit des Menschen achtet und sie deshalb nicht entmündigen und ihrer Pflichten entheben möchte.
Polanyi landet auch immer wieder bei Liberalismus-Diskussionen. Für ihn ist der klassische Liberalismus ein vorrangig wirtschaftliches Konstrukt, dass die anderen Dimensionen von Freiheit und deren ethische Fragen gern mal außer acht lässt. Dieser Liberalismus, der es sich einfach macht und das Fehlen von Einschränkungen idealisiert, steht – und hier kann ich Polanyi wieder zustimmen – in einer gefährlichen Nähe zum Faschismus: In beiden Fällen werden Trugbilder idealisiert, beide Gegensätze nehmen in Kauf, das Unfreiheit zunimmt. Einmal geschieht das eben direkt durch Verbote, einmal durch Utopien, die übersehen, dass Freiheit, die nur für wenige gilt, oft vielen schadet. 
Als eine Ideologie, die schlichte einseitige Maximen von Wachstum, Mehr, Fortschritt, Modernität und Freiheit als Fehlen von Einschränkungen predigt, kann Marktwirtschaft so gesehen tatsächlich zerstörerische Tendenzen haben.
Was genau dabei zerstört wird, dabei bin ich mit Polanyi weniger einer Meinung: Die bei ihm durchklingende Vision einer traditionelleren, wertebestimmten und christlichen Gesellschaft, die als Heilmittel wieder Halt und Orientierung gibt, unterscheidet sich nur graduell von den Visionen, die Faschisten und Totalitäre predigen. – Das kann aber auch wieder am Alter des Textes liegen.
Worauf man sich einigen kann: Die Wirklichkeit ist zu kompliziert und zu wichtig, um sie Politik, Medien und anderen Besserwissern zu überlassen. Es braucht persönliche Haltungen, Positionen, Orientierungen und Argumente. Fakten sind dabei wichtig. Aber ohne Moral wird es nicht gehen.

Unterwerfung

Spät aber doch habe ich jetzt auch Michel Houellebecqs „Soumission“ gelesen – den Roman, in dem es um eine islamische Machtübernahme in Frankreich geht.
Literarisch gesehen ist das Buch eher vernachlässigbar (fängt spannend an, ist zwischendurch auch mal amüsant, zerfällt dann aber in sehr konstruierten Endlosdialogen und -monologen).

Den bleibendsten Eindruck hinterlässt die Frage: Was soll und kann man jetzt wirklich tun? Abgesehen von aller überzeichneten Unterwerfung pflegen Houellebecqs Figuren allesamt einen sehr friedlichen Umgang mit der islamischen Machtübernahme. Aber was kann man eigentlich wirklich tun? Gegen eine demokratisch gewählte Regierung, gegen Maßnahmen, deren Nutzen sich leicht argumentieren lässt, gegen Narrative, gegen die sich nur mit vielen Details argumentieren lässt? Gegen eine Stimmung, die vielen offenbar angenehm ist?

Österreich ist Schwarz-Blau unterworfen. Für manche ist das mit Angstlust verbunden, für andere anscheinend mit echter Zufriedenheit. Auch jetzt, im Juli, entschuldigt sich Finanzminister Löger noch damit, dass sich seine Pläne KURZfristig geändert haben, wenn er einen Termin mit Wirtschaftsvertretern nicht wie geplant wahrnehmen kann. Und er lässt es sich zwei Sätze später nicht nehmen, anzumerken, dass er in Österreichs Wirtschaft viele KERNprobleme sieht. Und eben diese Wirtschaftsvertreter merken dann ebenso verspielt an, sie hätten jetzt den Eindruck, die Regierung sei wenigstens nicht mehr wie ein Schiedsrichter, der in Wahrheit bei der anderen Fussballmannschaft mitspielt.

Unterdessen schleichen Pumas und Pferde ins Land und hat bei Spionage, Asyl oder Deutschförderklassen niemand mehr den Überblick.
Houllebecqs Protagonisten sind nerdige Literaturprofessoren, denen die islamische Wende auch zu jungen Frauen verhilft. Die Protagonisten von Schwarz-Blau sind Menschen, denen noch nie jemand etwas getan hat, die Freude an der Macht haben und daraus auch kein Geheimnis machen.
Sie fühlen sich im guten Recht, als hätten sie es hart erkämpft. Und die ein wenig unscharfe, aber im Hintergrund immer klarer werdende Frage, die sich mit aufdrängt, ist: Wenn sie früher so gelitten haben, dass sie jetzt derart triumphieren müssen, wer leidet dann jetzt?

Ankommen: Lissabon

Die ersten Eindrücke einer neuen Stadt, eines neuen Landes – was bleibt hängen, und welchen Erinnerungen prägen die Bilder, die man mit sich nimmt? 
 
In Lissabon waren es Dealer. Portugal war gerade erst am wirtschaftlichen Crash vorbeigeschrammt, um Haaresbreite dem Schicksal Griechenlands entronnen. Die Zeiten waren nicht besonders gut; abbruchreife Häuser und geschlossene Läden waren die sichtbarsten Zeichen einer lange andauernden Krise. Und dann waren da die Dealer. Der Bus vom Flughafen endete am Cais do Sodre, am Tejo-Ufer, beim Bahnhof, von dem aus Züge zuden noblen Badeorten der Atlantikküste fahren und am Fuß des Bairo Alto, des steil-hügeligen Altstadtviertels mit den Kabelstraßenbahnen.
 
Aus dem Bus stiegen Familien, Menschen mit Gepäck, Urlauber, die ihre Hotels suchten, es war früher Nachmittag. Dealer boten Hände voll Marihuana und Plastikbeutel voll Kokain an. Es waren keine Jungs, keine Gangs auf der Suche nach schnellem Geld. Es waren alte Männer jenseits der 60 in sauberen karierten Flanellhemden, die sich nach wohl Jahren der Arbeitslosigkeit in neuen Geschäften versuchten.
Allein bis ich mich entschieden hatte, in welche Richtung ich zum Hotel gehen musste, hatten mich fünf oder sechs von ihnen angesprochen. In den nächsten Tagen in der Stadt sollten es noch viel mehr werden. Und manche von ihnen hatten neben Drogen auch noch die damals noch neuen Selfie-Sticks im Angebot.
 
(In Portugal ist Drogenkonsum seit 2001 entkriminalisiert. Das Risiko ist also auch für Dealer recht gering.)
 
 


„Anarchist in Anführungsstrichen“: leider echt mühsam

Ich habe das jetzt gelesen – und ich muss sagen, langsam verstehe ich das um sich greifende Graphic Novel-Bashing. Ein junger Mensch greift sich einen bestehenden Stoff (Erich Mühsams Tagebücher), erweitert ihn um ein paar völlig belanglose, witzlose bis schlichtweg dumme Kommentare („Schicker Kapuzenpulli“), zeichnet Bilder, die schon über die kleinsten anatomischen Herausforderungen stolpern (Essen etwa), wobei Stolpern untertrieben ist – es sind mehrfache Knochenbrüche, die diese Bilder erleiden, Unfälle, die auch den wohlmeinendsten Leser verstören und schlicht vom Lesen abhalten.
Klar, in der Theorie ist das eine gute Sache, nahezu vergessene Randfiguren wie Erich Mühsam zugänglicher zu machen. Diese Art der Umsetzung trägt aber kein ganzes Buch, das ist einfach auf allen Ebenen zu wenig. Lest lieber gleich Mühsam.

Endlich wieder Konzentrationslager!

Die Dramaturgie war sauber zugespitzt, alles stand auf Messers Schneide und die EU war wieder mal am Zerbrechen – in so einem Szenario klingt dann natürlich jede Einigung wie eine glückbringende Jubelmeldung. Europa hat irgendeinen Kompromiss geschlossen, der Migrationsprobleme zwar nicht lösen, aber weiter weg rücken soll. Camps in Nordafrika und geschlossene Lager in der EU sollen Migration ein wenig weniger sichtbar machen.
Diejenigen, die das regeln sollen – die Länder Nordafrikas – wissen zwar noch nichts davon oder haben schon einmal abgelehnt, aber Europa ist zuversichtlich, auch das mit Geld regeln zu können.
Dazu fallen mir drei Dinge ein:
  1. Europas Rechte stellen Geflüchtete gern als gewaltbereite Eroberer dar, die Europa im Sturm nehmen und unterwerfen wollen. Außerdem seien sie entschlossener, solidarischer, hätten ein überlegenes Familienmodell und müssten alles in allem nur um so entschiedener abgewehrt werden. Da macht es natürlich nur Sinn, diese Erobererhorden in Lagern zusammenzufassen, damit sich sich besser kennenlernen, koordinieren und organisiert angreifen können.
  2. Es wird als „Hilfe“ verkauft, wenn nordafrikanische Staaten Geld bekommen, um sich um Probleme zu kümmern, die ihnen Europa erst umgehängt hat. Irgendwer wird das Geld sich annehmen und Lager betreiben. In den jetzt schon bekannten Lagern  Nordafrikas herrschen dramatische Zustände; anscheinend will man mehr davon. Und ignoriert damit nicht nur Menschenrechte, sondern liefert sich auch den Lagerbetreibern hilflos aus: „Externe Sammellager machen Europa erpressbar“, sagt auch Cecilia Wikström, liberale Abgeordnete zum Europaparlament, die ein neues Asylpaket verhandelt hat, das jetzt offenbar reif für den Mistkübel ist.
  3. Das eigentlich ausgehandelte Paket zur Asylreform in der EU sieht neue Verteilungsmechanismen für Flüchtlinge vor, die sich um einen Ausgleich unter den EU-Staaten bemühen, die die Aufnahme von Flüchtlingen direkt mit finanzieller Unterstützung kombinieren und die Integrationsmöglichkeiten an vorderste Stelle rücken. Jemand sollte nicht mehr dort um Asyl ansuchen müssen, wo er oder sie zufällig gelandet ist, sondern dort, wo es Berührungspunkte gibt – Familie, Bekannte, Sprachkenntnisse. Details zu diesem Reformkonzept kann man in Cecilia Wikströms Beitrag „Mehr als nur Hoffnung“ zum Sammelband „Liberale Perspektiven für Europa“ (herausgegeben von Angelika Mlinar und Stefan Zotti) nachlesen.  – Stattdessen sind jetzt offenbar auch große NGOs ehrlich ratlos, wie Asylanträge in Zukunft überhaupt funktionieren sollen.

Ankommen – Tokio

Jede Reise hat ihre besonderen Momente, Eindrücke, die dauerhaft in Erinnerung bleiben. Manchmal sind das die erwartbaren Augenblicke, oft aber auch Details vom Straßenrand. Für mich sind es immer wieder auch die allerersten Eindrücke einer neuen Stadt oder eines neuen Landes. Man hat Flug und Flughafen hinter sich gelassen und erschnuppert die ersten Bilder einer neuen Umgebung – was davon bleibt hängen und was formt die Ewartungen dessen, was in den nächsten Tagen kommen wird?

 

In Tokio waren es geschlossene Raucherhütten im Freien vor dem Flughafen und nummerierte Bodenmarkierungen für die Warteschlangen für die Flughafenbusse. Das Bild des hektischen, durchorganisierten Japan wurde dann aber gleich von Dauerregen und unvorstellbar saftigem Grün gebrochen. Die Dame am Ticketschalter hatte mir davon abgeraten, den Bus anstelle des Expresszuges in die Stadt zu nehmen, das dauere viel zu lange. Mir war es egal, um sieben Uhr morgens nach elf Stunden Flug hatte ich es überhaupt nicht eilig und der trockene Bus erschien mir sehr verlockend angesichts des Dauerregens.
Eigentlich war ich auf dem Weg nach Tokio, weil ich dank einiger Cyberpunkfilme in den frühen 90er Lust darauf bekommen hatte und das endlich, über 20 Jahre später, machte. Der Bus verließ aber das Flughafengelände, fuhr über Landstraßen, Industrieanlagen wurden seltener und dann gab es nur noch Wälder voll meterhoher Bambusbäume, die saftig grün im Regen glänzten.
Irgendwann bin ich eingeschlafen. Die Bambuswälder sind trotzdem eine der stärksten und klarsten Erinnerungen. Der Bus hole dann mitten in Tokio im Hof einer seltsam verlassenen Bürohausanlage. Es regnete noch immer, es war Wochenende und es war noch immer zu früh, um ins Hotel zu gehen. Ich habe dann im luxuriösen High-Tech-Tokio als erstes einen Billigregenschirm gekauft, mich an den Straßenrand gestellt und einfach mal weiter dem Regen zugesehen.

 

JWD – Das Jugendmagazin für die nicht mehr jungen

Und jetzt habe ich tatsächlich eine Ausgabe von „JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ gelesen. Ich weiß, dass das ein Fernsehmoderator ist, er ist hübsch und trägt gute Brillen; ich habe meines Wissens noch nie eine seiner Sendungen gesehen.
Ich wollte wissen, wie man es angeht, wenn man heutzutage ein klassisch kommerzielles Magazin auf den Markt bringen will; Zielgruppe vermutlich Männer, nicht mehr ganz jung, aber doch noch mit Sinn für Abenteuer und Spaß.
JWD erscheint bei der Stern Medien GmbH; die große Nummer in der Redaktion ist David Baum, den die eben nicht mehr ganz Jungen in Wien wohl noch als „City“-Redakteur kennen.
Optisch ist JWD ganz retro-trendy: Klassische Groteskschriften (wohl die Berthold Akzidenz, die ja deutschen Typographen lange als die einzig wahre Schrift galt) und zum Drüberstreuen und für den Magazinlook ein bisschen Tiempos oder Henriette als Titelschrift. Es herrschen Flächen statt Kästen oder Blöcken, und helle Bilder, die direkt von Instagram kommen könnten.
Inhaltlich ist da ein bisschen Abenteuer, das halt recht beliebig bleibt:
  • Irgendein Journalist macht irgendeinen Haitauchkurs vor Südafrika.
  • Irgendein Journalist redet mit irgendeinem Alien-Lauscher.
  • Irgendein Journalist besucht irgendein Bundeswehr-Camp im Irak.
  • Irgendeine Journalistin fährt nach New Orleans zur Wrestlemania und war dabei ungefähr so nah am Geschehen wir Abermillionen Fernsehzuschauer.
  • Eine Journalistin geht Spargelstechen – aber nicht irgendwo undercover, sondern bei einem gesitteten Mindestlohnbezahler.
  • Hubertus von Hohenlohe fotografiert Ferdinand Habsburg, der Autorennfahrer werden möchte, aber halt nicht allzuviel zu erzählen hat.
  • Reiner Riedler hat am GTI Treffen fotografiert, was wirklich gut ist, und Lust auf mehr macht (die Fotos sind Teil einer Serie über moderne Volksfeste, also eigentlich Events).
  • Ein Journalist begleitet eine unbekannte Band, die sich zu allerhand Festivals auf der ganzen Welt einladen lässt, diesmal nach Ostafrika. Wäre nett, wenn die Story nicht so übertrieben „Abenteuer! Abenteuer! Krass! Mega!“ schreien würde.
Obwohl relativ viel Geld in das Magazin gebuttert wird (es sei denn, das sind nach Angebot und Nachfrage zusammengeklaubte Selbstausbeuter-Geschichten), gehen die Storys nicht immer auf. Aber jetzt war man halt schon dort, also muss man sie auch machen.  Sprache ist ja geduldig und verträgt immer noch ein paar Superlative und sogar Blüten wie diese hier über den Alien-Lauscher: „Er folgt in seiner Argumentation strikt den Regeln der Logik. Spekulieren gehört nicht zu seinem Beruf.“ – Ok, irgendwas muss man ja schreiben und Zeilen füllen, auch wenn man nichts zu sagen hat.
Fazit: Ich finds nett. Gut, dass man Magazine macht, Fernsehonkels als Marketingzugpferde einspannt und einfach mal probiert. Abonnieren werde ich es nicht. Aber ich wünsche viel Vergnügen.

Für jeden Migranten eine Pizza

Als Landesmutter Hanni Mikl Leitner noch grimmige Innenministerin war, wurde mit tausenden Polizisten und dem Pandur Radpanzer ein Haus mitten in Wien belagert. Seit der selbsternannte „Philosoph“ Herbert Kickl den schneidigen Innenminister gibt, haben wir Drama-Festspiele, Intrigen, Korruption so transparent wie nie – und endlich durfte auch Kickl seinen Panzer auspacken.
Dass das Säbelrassen an den Grenzen zu einer Zeit stattfindet, in der Flüchtlingszahlen offenbar zurückgehen und in der der Ansturm, der wir simuliert wurde, offenbar nicht stattfinden wird, ist nur schlüssig: Die tausenden Polizisten in Wien fischten schließlich auch nur 19 versiffte Punks aus dem belagerten Haus. Vielleicht möchte Kickl ja ein ähnliches Verhältnis zwischen Grenzpolizisten und Geflüchteten herstellen. Oder der möchte den EU-Schnitt von 1 Asylwerber pro 1270 Einwohner in der EU (Stand 2017) lieber gleich auf das Verhältnis von Asylwerbern zu Polizisten umlegen.
Und bei der all der Fassungslosigkeit gegenüber dieser Aktion sollte man nicht vergessen: Es war ein sozialdemokratischer Verteidigungsminister, der erst im Juli des vorigen Jahres Panzer und Soldaten an die Grenze zu Italien geschickt hat. Jetzt ist es halt ein rechter Innenminister, der sich noch dazu das Motto für die Aktion (#proborders) von den noch rechteren Identitären vorgeben lässt. Nur zwei Zeichen von vielen dafür, dass viel unfassbar Schlechtes schon viel zu normal geworden ist.