Strenger, aber nicht vernünftig

Verachtung hat noch selten Probleme gelöst. Da ist schon eingerechnet, dass Verachtung mehr sein kann als bloßes Naserümpfen. Man kann Hindernissen oder Hürden mit Verachtung begegnen, um sich dann der eigentlichen Herausforderung stellen. Man kann (vor allem überlegenen) Gegnern mit Todesverachtung entgegentreten.
Verachtung kann überwunden werden, dann kann man sich produktiv mit etwas auseinandersetzen.

Da wundert es mich, wenn Carlo Strenger schon bei der Verachtung aufhören will. In seinem Essay „Zivilisierte Verachtung“ beschreibt Strenger ebendiese zivilisierte Verachtung als aufgeklärten Umgang mit nicht aufgeklärten Geisteshaltungen.
Eine Meinung „entspricht nicht dem aktuellen Wissensstand“, ist nicht durchargumentiert – Verachtung. Eine Tatsachenbehauptungen widerspricht anderen Tatsachen, die als – nach aktuellen Wissensstand – gesichert gelten – Verachtung. Jemand weiß nicht alles, was man zu einem Thema wissen könnte – Verachtung.

Jetzt bin ich selbst ein großer Freund umfassenden Wissens, ich bin auch sehr von der Idee angetan, Aussagen zu begründen und in argumentierbare, möglichst logische Zusammenhänge zu stellen, statt einfach nur Behauptungen aufzustellen.
Aber mir wäre Verachtung zu wenig.
Dazu muss man sagen: Man kann auch nicht aus jeder Position verachten. Verachten kann man, wenn man von einer Entscheidung, einer Behauptung nicht berührt ist, wenn man kopfschüttelnd weitergehen kann. Will man jedoch lernen, verstehen oder interagieren (was beispielsweise auch Bekämpfen) einschließt, dann kann man nicht verachten. Dann muss man sich mit der Sache auseinandersetzen, ihre Funktionsweise, ihre Logik analysieren, ihren sozialen oder historischen Kontext kennenlernen und lernen, wie man damit umgehen kann, um das Ergebnis doch noch in gewünschte Bahnen zu lenken.

Nichts anderes sagt ja schließlich auch der von Strenger kritisierte „postmoderne Relativismus“, den er als Vorgänger von politischer Korrektheit sieht. Dieser Relativismus betont die Möglichkeit, sich mit mehreren Perspektiven zu beschäftigen. Ich verstehe genau das als auch die Verpflichtung, solide Kriterien zu finden, Argumente zu analysieren und Informationen sorgfältig abzuwägen – alles Schritte, die Strenger als Elemente seiner zivilisierten Verachtung reklamieren möchte.

Auch diese disziplinierte sorgfältige Vorgangsweise ist aber nicht immer anwendbar. Nur ein kleiner Teil des Lebens gehorcht rationalen Gesetzmäßigkeiten. Und der Rest ist nicht nur Esoterik und Religion, sondern vielleicht auch Freude und Vergnügen. Es ist auch mit keiner sorgfältigen Abwägung zu erklären und entspricht nicht dem aktuellsten Wissensstand, sich als Binge-Watcher Streamingserien hinzugeben. Man kann das sogar verachten. Aber weder die Verachtung noch die Analyse dieses Verhaltens verändern oder verbessern hier etwas.

Strengers Lieblingsargument offenbart denn auch die Schwäche seiner Argumentation: Man müsse Meinungen bzw. Positionen zu Meinungen dem Ärztetest unterziehen. Von Ärzten erwarte man schließlich auch, dass sie fundierte rationale Entscheidungen auf dem neuesten Wissensstand treffen. – Das glaube ich nun nicht. Den meisten Menschen ist es egal, auf welchen Grundlagen Ärzte ihre Entscheidungen treffen, Hauptsache, sie heilen.

Politische Korrektheit, die eigentliche Gegenspielerin seiner Theorien, trifft Strenger so auch kaum. Was Verachtung gegenüber den Schwächen des Korrektheitskonzepts ausrichten könnte, lässt sich nicht sagen.
Und ich denke eher, dass wir in vielen Diskursen zu viel statt zu wenig Verachtung haben. Zweifellos oft aus zweifelhaften Motiven, die „richtige“, eben „zivilisierte“ Verachtung ist dann aber auch bloß eine weitere Form des Distinktionsgewinns – und steht vermeintlich allen Seiten offen. Da brauchen wir mehr.

Krönung

Es ist da, es ist schön, es hat fast 100 Seiten – aber für ältere Menschen bietet das Kronen Zeitung-Heft von Dossier wenig. Die Geschichte der Krone ist bekannt, die Schweigsamkeit ihrer Eigentümer ist legendär, Kurt Falk kann auch nichts mehr sagen, und es wurden schließlich auch schon einige Bücher geschrieben.
Was die Krone ist und wie ihr Journalismus funktioniert, ist einerseits hinlänglich bekannt und andererseits nicht restlos zu erklären. Insofern ist das Dossier-Heft der schlicht falschen Katapult-Analyse, die die Krone als konservativ kennzeichnet, schon mal haushoch überlegen.
Es ist auch gut, die Krone-Geschichte und einige ihrer politischen und wirtschaftlichen Verbindungen mal handlich zusammengefasst zu haben. Aber es ist für mich zumindest ein wenig beklemmend, wenn es schon als investigativ gilt, ein historisches Gedächtnis zu haben, das weiter als zwei Jahre zurückreicht oder Inhalte zusammenzufassen, die bereits dokumentiert sind.

Trotzdem: Wer die Krone nicht kennt oder noch nie Antworten darauf gefunden hat, woher sie kommt und wie sie so groß wurde, soll das Heft lesen.

Die Krone selbst zeigt allerdings ganz unabsichtlich und zugleich sehr eindrucksvoll, wie zugleich wichtig und andererseits viel zu kurz gegriffen es ist, sich auf diese Weise mit den Machtverhältnissen im österreichischen Journalismus zu beschäftigen.
Dossier widmet dem Kampagnen-Journalismus der Krone viel Raum und arbeitet heraus, dass sich die Krone, statt zu berichten, als Akteur verhalten hat, nicht nur Position bezogen hat, sondern auch mit nicht ganz sauberen Mitteln dafür gearbeitet hat, diese durchzusetzen. Auch Günther Winkler, ehemaliger Rektor der Universität Wien, der im Sternwartepark 1973 ein neues Universitätsinstitut bauen wollte und dafür als „Baummörder vom Sternwartepark“ verunglimpft wurde, kommt im Dossier-Heft zu Wort.
Die Kronen Zeitung hat mittlerweile viel von ihrem Sinn für Kampagnen verloren und konnte sich zuletzt auch ein paar mal nicht durchsetzen. Den guten alten Zeiten, in denen man mit griffigen Kampagnen mobilisieren, Menschen attackieren und aus dem Weg räumen konnte, trauert man aber ganz offensichtlich heute noch nach.
Denn was Dossier als kritische Enthüllung über die Kronen Zeitung publiziert, zählt dortselbst zu den Highlights der Firmengeschichte: In einem Quiz anlässlich des 60jährigen Krone-Jubiläums vergangenen Sonntag war eine der Fragen zur Blattgeschichte: „Im Jahr 1973 startete die ‚Krone‘ eine Kampagne …“ – die Rettung des Sternwarteparks, der Hainburger Au, des Wienerwalds und des Stephansdoms stehen zur Auswahl.

Und obwohl die Krone ohnehin ungeniert und unberührt weiterfeiert (es sei der Zeitung und ihren Eigentümern auch unbenommen) rückt dann trotzdem noch Hans Mahr aus und erklärt noch einmal die Großartigkeit seines ehemaligen Arbeitgebers.
War der nicht auch mal als SPÖ-Chef im Gespräch?Ach nein, das war ja der andere erfolgreiche Medienösterreicher. Wobei, Hans Mahr war da sicher nur zum falschen Zeitpunkt zur Stelle und ist halt jetzt dann doch schon ein wenig alt, sonst …
Und da könnte die Krone-Story wieder lebendig werden.

 

 

Glamour

Es ist nicht immer toll, auf Buchmessen, Comic Festivals oder Comic Cons abzuhängen. Es sind arbeitsreiche Wochenenden, die oft um fünf Uhr morgens beginnen, lange Autofahrten, Schlepperei, lange Tage ohne Tageslicht in lauten stickigen Messehallen.
Abends oder unterwegs dann billige Hotels mit Truckercharme, schließlich soll dann auch noch Gewinn übrig bleiben.

Unterm Strich wächst an solchen Tagen eher die Frage „Will ich das wirklich?“ Als soziales oder unternehmerisches Highlight erlebe ich Messen jedenfalls nie.

Dann gibt es aber Menschen wie diesen jungen Menschen, der recht offensichtlich mit nichts im Leben zufrieden ist, unter anderem wohl auch mit seiner oder ihrer geschlechtlichen Identität nicht. Dazu Narben im Gesicht, schwarze Kleidung mit einem großen Pentagramm auf dem Rücken.
Dieser Mensch schaut recht lange, blättert ein wenig und scheint etwas sagen zu wollen, findet aber keinen Anfang.
„Kann ich dir was erzählen?“, mach dann eben ich einen Anfang.
„Ich lebe ja eigentlich in Finnland“, kommt als Antwort. „Ich bin ausgewandert, weil alles, was anders ist, in Österreich unterdrückt wird, da kann nichts entstehen. Aber an euch sieht man, dass es doch möglich ist. Also macht bitte weiter. Wenn ich eure Hefte sehe, dann geht es mir auch besser.“

Wir halten keine flammenden Wutreden oder schreiben keine pointierten Essays. Wenn wir Preise bekommen, dann nicht im Rahmen einer Gala in Anwesenheit der Regierung, wo sich die Gelegenheit zu tollen Dankesreden bietet. Unsere Auszeichnungen sind ein paar Euro, die andere Nerds zusammengekratzt haben, um ein paar Akzente für ihre Umgebung zu setzen. Wir sind selten Teil selbstreferenzieller Twitterstafetten („Die tolle @xyz hat etwas Tolles {qwertz} gemacht. Lesenswert!“).
Dafür müssen wir uns auch nicht an Neiddebatten und Scheingefechten beteiligen. Aber wir müssen halt draußen sein, dort wo man Lesern als Menschen begegnet, ein wenig Begeisterung entfachen kann und Menschen einen Grund gibt, mal ein Heft oder ein Buch in die Hand zu nehmen, darin zu blättern und Freude daran zu finden.

Ist auch nicht schlecht. Aber nein, freundliche Leser sind kein Ersatz für Cash und lange Arbeitswochenenden (nach langen Arbeitstagen), ein paar freundliche Worte wiegen auch keine unter dem Strich mageren Stundenhonorare auf.

Aber freundliche Leser sind dann doch immer wieder ein Anreiz dafür, auch auf der nächsten Messe dann doch noch mal den Stand aufzubauen.

 

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Comics (Austrian Superheroes, Doom Metal Kit, Liga deutscher Helden) gibt es das nächste Mal beim Comic Festival München, Bücher (The Big Boda Boda Book, Backpacking in Afrika und demnächst auch Neuigkeiten) überall im Handel oder bei uns in Ottakring.

Ethik für die Gottlosen

In der Presse ist ein seltsamer Kommentar zum Ethik für alle-Volksbegehren erschienen. Hans Winkler, ehemaliger Redaktionsleiter des Wien-Büros der Kleinen Zeitung und ehemaliger Generalsekretär der Katholischen Aktion der Diözese Gurk-Klagenfurt hat keine Freude mit dem Volksbegehren.
Ich habe echte Verständnisschwierigkeiten mit diesem Text, wenn der Autor behauptet, dass eine Glaubenshaltung größere Verbindlichkeit habe als das Ergebnis einer rationalen Analyse.
Das mag nun sogar praktisch so sein – was ein mächtiger Kirchenboss sagt, hat in der Praxis nach wie vor direktere Auswirkungen als die Einschätzungen auch der prominentesten Philosophen. Das liegt heute aber eher daran, dass die katholische Kirche über Jahrhunderte hinweg die erfolgreichste Lobbyorganisation und das stärkste Netzwerk war. Es ist auch ein zugegebenermaßen bewundernswertes Beispiel für exzellente Machttaktik, wie die Argumente der Kirche über die Zeit des Aberglaubens hinaus gerettet werden konnten, weil sie schon stark mit Machtfragen verbunden waren.
Aber trotzdem liegt diesem Kommentar eine Verwechslung von Sein und Sollen zugrunde – dass Religionen in gewissen Kreisen noch immer eine Vormachtstellung haben, ist kein Beweis dafür, dass sie diese auch haben sollten.
Natürlich ist Religion Kultur und als solche Teil von Bildung. Aber man stelle sich diesen Sprung vom Sein zum Sollen mal in anderen kulturellen Sparten vor: „Wir haben hier ein System, das unseren Geschmack trifft und unseren Interessen dient – also muss alles so bleiben/ist alles andere kulturlos/wollen wir alles andere nicht.“ Es schadet nicht, Religionen zu kennen. Vom historischen Wert ist es allerdings ein sehr großer Sprung zur Verbindlichkeit.

Ebenso fragwürdig ist Winklers Einschätzung, der Religionsunterricht könne nicht so schlecht sein, weil schließlich viele konfessionslose Kinder freiwillig daran teilnehmen. Der Wunsch nach Ethikunterricht sagt erstens noch nichts über die vermutete Qualität eines Religionsunterrichts aus. Und zweitens wurde – zu meiner Schulzeit – von den Konfessionslosen erwartet, in dieser für sie freien Stunde Wurstsemmeln zu holen oder ähnliche Dienste zu verrichten. Dabei mussten sie noch jedes Mal mit dem Schulwart darum streiten, ob sie auch tatsächlich die Schule verlassen durften – kein Wunder, dass man dann lieber in der Klasse sitzenblieb.

Das Volk soll nichts wollen …

Aber all das ist beliebiger Kleinkram, über den man lang mit ausgefeilten Argumenten diskutieren kann. Tatsächlich erschreckend ist, wenn der Autor schreibt: „Die Unterschrift wäre vergebliche Liebesmüh, denn bekanntlich ist die Entscheidung schon anders gefallen.“
So kann man das natürlich auch sehen. Die Regierung hat entschieden – in meinem Sinn – also ist das richtig und alles andere ohnehin vergeblich, Gottseidank (oh, da steckt auch wieder Religion drin, mein Gott!). Was braucht das Volk auch aufmucken, wenn sie Regierung schon im Sinne Gottes entschieden hat – das ist ja schließlich auch das Erfolgsrezept, auf dem die Machtstellung der Kirche beruht.

Zugleich ist das auch – um doch noch mal zum Inhaltlichen zurückzukehren – ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Argumentationsqualität unterschiedlicher ethischer Konzepte.
Man kann natürlich der Meinung sein: „Es ist so, weil ich es sage, und das muss als Fundament ausreichen.“ Das ist die religiöse Variante, hinter der noch steckt, dass, wer so argumentiert, auch noch meint, zu wissen, was „gut“ ist (steht alles in der Bibel), vielleicht auch „die Wahrheit“ kennt und andere dort hinführen möchte.
Man kann aber auch lernen, im Dialog zu argumentieren, gemeinsam Begriffe, Voraussetzungen und Ziele abzuklären und sich um verständigungsorientierte Kommunikation bemühen. Nein, das wird nicht in jeder Unterhaltung auf der Straße funktionieren. Das ist auch kein Aufruf dazu, Haltungen und Handlungen, die man nicht gutheißen kann, Verständnis entgegenzubringen.
Aber in einer gemütlich schriftlich geführten Diskussion ohne Stress und Hektik könnte man dieses Mindestmaß an Redlichkeit schon erwarten. – Vielleicht brauchen manche ja noch Ethikunterricht, um das zu verstehen.

Einige der erhellendsten Moralanalysen liest man bei Kropotkin und Bakunin. Letzterer meinte im übrigen: „Wann immer ein Führer von Gott spricht (…), seid sicher, dass er gleich dazu ansetzt, einmal mehr seine Volksherde zu scheren.“
Wie schön, wenn sich Staat und Kirche einig sind.

Und ich habe eben das Ethik für alle-Volksbegehren unterzeichnet.

Jean Ziegler: Subversive Integration als Pausenprogramm

Jean Ziegler war im Wiener Rathaus zu Gast, um bei den Wiener Vorlesungen zu sprechen, und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler packte gleich mal Sozialdarwinismus, Raubtierkapitalismus und Neoliberalismus in ihre Begrüßungsansprache – ohne erkennen zu lassen, ob es sich dabei, zum Zitate, Anspielungen oder Überzeugung handelte.

Und Ziegler selbst?

Es ist toll, wenn ältere erfahrene Menschen mit Leidenschaft sprechen, Auseinandersetzungen nicht scheuen und große Bögen spannen können. Die Feindbilder waren schnell an die Wand gezeichnet: Konzerne haben mehr Macht als Regierungen, trotz aller Produktivitätssteigerungen, die reichen sollten, um die Welt zu versorgen, haben wir eine kannibalische Weltordnung, in der der Gewinn der einen zu Laste der anderen geht, und spätestens mit der Klimaerwärmung wird klar, dass eben der Raubtierkapitalismus die Welt zerstört.
Ziegler sieht auch die Fridays for Future-Demonstranten als Nachwuchs-Kapitalismuskritiker, die sich gegen einen zerstörerische Raubtierkapitalismus wenden.

Das wirft einige Fragen auf.

Ich lasse beiseite, dass nicht alle Unzufriedenen, Engagierten oder um die Umwelt Besorgten vereinnahmt werden möchten. Ich lasse auch beiseite, dass die Gegenüberstellung der Macht von Regierungen und Konzernen einige Lücken offenlässt, gerade was deren Vergleichbarkeit betrifft. Beide Seiten sind mächtig. Gerade das von Ziegler angeführte Beispiel des wieder aufgehobenen Verbots von Kinderarbeit im Coltan-Abbau illustriert das.
Ich lasse auch beiseite, dass es keine Zielvorstellungen gibt, keine gangbaren Alternativen, wohin Welt und Wirtschaftsordnung gehen könnten. Niemand hat ein komplett neues Bild. Und diejenigen, die es haben, entwerfen gewalttätige Zwangsszenarien mit Enteignungen, Kollektivierungen und vielfältigen kulturellen und persönlichen Einschränkungen.

„Und hier geschieht ein Wunder“

Der Punkt, der mir zur Gänze fehlt und auf den ich nicht verzichten kann, ist der ganz simple nächste Schritt. Eine Antwort auf die Frage „Und jetzt?“ bleibt aus. Dabei können wir sie heute geben, wir haben zahlreiche Entscheidungsmöglichkeiten, mit denen wir klarmachen können, was für uns geht und was nicht geht.
Ziegler beschreibt seine Taktik als „subversive Integration“. Dem kann ich viel abgewinnen. Aber Subversion als gestalterische Kraft muss über Zitate, Anekdoten, Suggestionen hinausgehen. Da sind schon alltägliche Konsum- und Jobentscheidungen relevanter für die Gestaltung unserer Umwelt.

Worauf Ziegler wartet, das ist die sogenannte Inkarnation – der Moment, in dem eine Idee zur sozialen Kraft wird. Der Sturm auf die Bastille im Rahmen der Französischen Revolution war ein solcher Inkarnationsmoment und man kann Ziegler sicher recht geben, dass auch die Revolutionäre in diesem Moment noch keinen klare Plan hatten, wie die neue Ordnung aussehen sollte.
Die Inkarnation sieht Ziegler allerdings bei den anderen: Intellektuelle können Bewusstsein schaffen und Ideen verbreiten, aber der Sturm muss von anderswo kommen. Ziegler zitiert dabei Sartre, der über Frantz Fanon gesagt haben soll: „Wir säen den Wind. Aber er ist der Sturm.“ (Tragische Anmerkung dabei: Fanon hat recht klar gesehen, dass weder von europäischen Intellektuellen noch von europäischen ArbeiterInnen revolutionärer Elan zu erwarten wäre; er setzte seine Hoffnungen auf afrikanische Bauern – auch das blieb unerfüllt.)

Die anderen sollen revoltieren – dieses Bäumchen-wechsle-dich-Spiel läuft nun schon hundert Jahre. Lenin und Stalin nahmen mit russischen Bauern als Ersatzleute für revolutionäre Arbeiter vorlieb, Trotzki hätte lieber echte Industriearbeiter aus dem industrialisierten Europa eingesetzt und überlebte diese Idee nicht. In den siebziger Jahren setzte man große Hoffnungen auf die Dritte Welt, nachdem die industrialisierte Welt als „Schmarotzerstaaten“ eine schmarotzende Arbeiterklasse hervorgebracht hatte, die sich mit dem Kapitalismus arrangiert hatte. Und heute fährt man nicht nur zahlenmäßig ein Minderheitenprogramm, wenn man „ArbeiterInnen“ bedienen will, das Konstrukt des Arbeiters oder der Arbeiterin ist auch inhaltlich kaum noch greifbar – wie ein Blick auf die irrlichterndere Sozialdemokratie zeigt.

Zitate sind keine Lösung

Ziegler schildert drastische Probleme und Missverhältnisse; den Schilderungen wohnt auch eine gewisse Suggestivkraft inne. Es braucht allerdings gar nicht die Frage nach Alternativen, es reicht die Frage nach dem nächsten Schritt, nach persönlichen Handlungsmöglichkeiten – und die Strahlkraft lässt stark nach. Ich würde mir wünschen, dass jemand, der die Aufmerksamkeit, Eloquenz und Hartnäckigkeit von Jean Ziegler hat, auch weitere Schritte zeigen kann, aber Jean Jaurès zu zitieren („Der Weg ist gesäumt von Leichen, aber er führt zur Gerechtigkeit“), Gedichte von Antonio Machado vorzulesen („Der Weg entsteht beim Gehen“) und andere Sinnsprüche parat zu haben, das ist nicht nur zu wenig, es ist auch eine Kulturtechnik, die bald nicht mehr breitenwirksam funktionieren wird. Wer kennt schon noch Jaurès und Machado? Kurzer Exkurs dazu : Machado beschreibt in diesem Gedicht neue Hoffnung nach der Niederlage der Linken im Spanischen Bürgerkrieg; genau dieses Motto wird in nur leicht abgewandelter Form sehr gerne von diversen Konzernen zur Mitarbeiterkommunikation in Veränderungsprozessen verwendet. Das revolutionäre Bewusstsein ist also nicht in der Arbeiterklasse gelandet, sondern in Marketingabteilungen gestrandet.

Von dort wird es auch Ziegler nicht befreien.

Im Gegenteil: Müsste ich einen Agent Provocateur entwickeln, der letzte revolutionäre Funken einlullen soll – leider wäre es Jean Ziegler. Das ist schade, weil er auch viele wichtige und unangenehme Tatsachen anspricht.
Man sollte ihm zuhören, man sollte auch seine Interviews und Texte lesen. Aber man sollte sich darüber klar sein, das Lösungen – auch für die Probleme, die Ziegler beschreibt, von anderswo kommen müssen.

Kenzaburo Oe: japanisches Drama

Kenzaburo-Oe

Ich vertrage japanische Literatur nicht. Dieser endlos weitreichende Sinn für Niederlage, Erniedrigung, Demütigung und Dunkelheit ist einfach zu radikal-depressiv.
Jetzt habe ich trotzdem – weil Leopold Federmair das so nachdrücklich empfohlen hat – Kenzaburo Oes „Reißt die Knospen ab“ gelesen.
Es gibt kein Happy end.
Es gibt keine Helden.
Es gibt keine Lichtblicke.
Es gibt sogar in den wenigen Momenten, in denen es irgendwo Ansätze menschlicher Regungen geben könnte – der junge Ich-Erzähler verliebt sich, hat sogar Sex – immer nur eiskalte Distanz. Und nicht einmal für den Hund geht die Sache gut aus.

Japanische Literatur – egal ob Osamu Dazai, Ryu Murakami oder Kaneshiro Kazuki, um nur einige zu nennen, die ich in letzter Zeit gelesen habe – ist noch trauriger und düsterer als rumänische Literatur, dramatischer als Gabriel Garcia Marquez und hoffnungsloser als russische Vorrevolutionsprosa. Dabei ist japanische Literatur erschreckend schön zu lesen, zugleich aber eben so entsetzlich.

Es wäre wohl auch mal eine literaturwissenschaftliche Analyse wert, zu untersuchen, ob in Japan andere Erzählmuster wirken. In der westlichen Welt (als sehr weit gefasster Begriff, quasi schon gleichzusetzen mit „in der ganzen Welt) haben sich seit langem Schemata etabliert: Heldenfiguren, Heldenreisen funktionieren nach dem gleichen Prinzip; es darf durchaus Hindernisse, Tiefen und dramatische Wendungen geben – aber diese dienen der festeren Bindung mit den Figuren, jede Hürde, jedes Problem ist ein Emotionalisierungsmoment. In Japan nicht. Da sind nicht einmal Brutalität oder Entsetzlichkeit besonders emotionale Angelegenheiten. Ist halt so.

In Europa können wir uns sogar auf Grundzüge des Storytelling einigen und sie in Marketingkursen unterrichten. Und dann macht so eine japanische Story wieder alles ganz anders.
Aber das ist nur eine Anregung; das muss ich Expertinnen überlassen.
Mangas sind in ihrer Erzählweise im übrigen weit traditioneller als japanische Literatur oder Filme. Da bekommen – wie in Tokio Ghoul – auch mutierte Menschenfresser ihre Emotionen in den Griff und finden sogar Freunde. Bei Oe hätte es das nicht gegeben.

Das dämliche Kind bringt auch nichts

Das war wohltuend: „Mir ist das Kind immer am Keks gegangen. Das ist doch vollkommen hohler dummer Optimismus – da sagt das Kind was, ja und was soll dann passieren? Wir wissen es doch alle, wir sind nicht auf dieses Kind angewiesen.“
Alfred Pfabigan stellte diese Woche sein neues Buch „Kaiser, Kleider, Kind“ mit Paraphrasen und Anmerkungen rund um das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern vor. In seinen Anmerkungen zum Buch wendet er sich nicht nur gegen diese überbordende sinnlose Feelgood-Blindheit, die sich mit ergebnislosen Nettigkeiten amüsiert und sich darüber freut, dass sich das nett anfühlt (das sind ähnliche Mechanismen, wie hier sie hier am Beispiel von inhaltslosem Feelgood-Marketing beschrieben haben.)
Pfabigan wendet sich auch gegen das inflationäre Bild es Aufdeckers, Querdenkers oder Enthüllers, der oder die auf den Putz hat, endlich „die Wahrheit“ sagt, gegen „den Mainstream“ auftritt – und dabei das sagt, was ohnehin alle sagen und zum glattesten Opportunisten im dauernden Kampf um Aufmerksamkeit wird.

In „Kaiser, Kleider, Kind“ beschäftigt sich Pfabigan mit einem der berühmtesten Märchen von Hans Christian Andersen und zerlegt die Story in ihre Einzelteile. Die Grundfrage ist dabei nicht nur: Wie lässt sich dieser Betrug auflösen, wenn man nicht an das Wunder mit dem Kind glaubt? In Frage steht auch, warum die Kleider für den Kaiser gar so wichtig waren, und wie die Betrüger so erfolgreich sein konnten.

Eine der Varianten, die Pfabigan erzählt, verpasst dem Kaiser eine Vorgeschichte als in den Schweinestall verstoßener Erstgeborener, der erst nach langer Zeit, als der Betrug aufkam, wieder entdeckt, gewaschen, und auf den Thron gesetzt wurde. Die Einschätzung des Hofstaats dabei: „Wenn wir ihn saubermachen und gut anziehen, dann wird’s schon keiner merken“ – daher also die Konzentration auf die Kleider und die Angst davor, schon wieder als Lügner und Betrüger dazustehen.
In Pfabigans Variante ist es dann auch ein Fremder, der von all dem nichts weiß, der die Nacktheit ins Gespräch bringt – das spricht sich herum, und selbst wenn die Leute in der Menge, die den Festzug begleitet, den Kaiser gar nicht sehen, dann gefällt ihnen doch die Vorstellung der wäre nackt. Und es wird plötzlich möglich, das auszusprechen.

Damit zerfällt die Geschichte. Aber sie wird um einiges praktikabler. Die Moral von der (klassischen) Geschichte (Steh auf! Sag die Wahrheit! Es wird sich lohnen! Alles wird gut!) ist nett, aber überaus zweifelhaft. So passiert das nicht in unserer Welt, so hätten wir es gerne, aber die Praxis zeigt viel häufiger: Nichts dergleichen passiert, und statt uns durchzusetzen, resignieren wir viel häufiger.
Das ist jetzt gar nicht unbedingt ein abwertender Vorwurf. Die Feststellung ist einerseits praxisorientiert, andererseits drückt sie auch Bewunderung für das Geschick der Betrüger aus. Die Weber, sie unsichtbaren Stoff weben und verarbeiten, mit einer gut strukturierten Story eine ganze Stadt in Schach halten und ein schwer zu verlassendes Konstrukt in den Raum gestellt haben, haben gute Arbeit geleistet. Um dagegen aufzutreten, muss man sich schon sehr weit hinauslehnen – im wahrsten Sinn des Wortes eben, nämlich einen ganz anderen Standpunkt einnehmen.
Die Geschichte der Weber („Unseren Stoff sieht nur, wer noch nie gelogen hat“) setzt die ganz einfache Waffe der Moralkeule ein. Es braucht einen aller Konvention nach unmoralischen Akt, um sich dagegenzustellen und eine andere Position einnehmen zu können. Und selbst die Einladung zur Entgegnung („Kritisiere mich!“, „Du siehst doch bestimmt nichts“) zwingt den Kritiker oder die Kritikerin ein moralisches Defizit einzugestehen oder eine der Konvention nach unmoralische Position einzunehmen.
In der politischen Diskussion von heute ist das die Wendung des „Für unsere Leute“; der Sicherheit und des Schutzes für die kleinen Menschen. Politik wird nicht mit rationalen Motiven gemacht, sondern mit moralischen. Populistische Politik hat das internalisiert und braucht gar nicht darüber nachdenken, wert- oder vernunftorientierte Politik hat damit meist ein großes Problem.

Der Kritiker oder die Kritikerin, die eine neue Perspektive auf das Problem ins Spiel bringen will, muss daher von ganz woanders kommen – oder die gleiche Sprache sprechen. Ein Kind, das das sagt, was sich ohnehin alle denken, es aber nicht auszusprechen wagen, ist da eine nette Allegorie, aber völlig realitätsfremd. Viel wahrscheinlicher als Anerkennung wären Unterdrückung und – zumindest zu Zeiten Andersens – eine prophylaktische Ohrfeige.
Die ganz von außen kommende Sichtweise könnte Fragen stellen, die so neu wären, dass man tatsächlich über eine Antwort nachdenken müsste, selbst wenn man es gar nicht wollte.
Und von innen kommende Kritik, die im gleichen System bleibt, müsste eine bessere Sprache sprechen, stärkere Bilder verwenden, eine griffigere Story haben als die Betrüger. Das ist in so einer perfekten Inszenierung überaus schwer.

Ähnlich verlaufend war dann auch die Diskussion im Publikum. Natürlich liegen Parallelen zwischen dem nackten Kaiser und dem Holocaust auf dem Tisch. Natürlich muss man nicht so weit ausholen und kann die Parallelen auch zur Tagespolitik ziehen (die dreifache Erwähnung des Kaiser-Märchens in drei verschiedenen Beiträgen in einer einzigen Spiegel-Ausgabe war für Pfabigan auch Anlass, seine Überlegungen niederzuschreiben).
Aber auch dabei ist die Lösung, der gelingende, zündende Einwand nicht greifbar. „Wir sollten die Politiker für 1,50 € pro Stunde arbeiten lassen“, war einer der Zurufe aus dem Publikum. „Aber mindestens ein halbes Jahr lang.“ – Netter kindlicher Einwand. Alle können zustimmen. Alle sehen das gleiche Bild. Nichts wird passieren.
Wir kennen dieses Prinzip schon lange, und wir haben noch immer keine Lösungen.
Ein bisschen Philosophie kann wenigstens die falschen Lösungen entlarven. Und man fühlt sich damit nicht so allein, wenn wieder mal das große gutgelaunte Rauschen nervt.

 

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Alfred Pfabigan
Kaiser, Kleider, Kind
Limbus Verlag