Ich wollte eigentlich nie Marx lesen, aber der Jacobin sagt …

Marx stand nie ganz oben auf meiner Leseliste. Als Student war mir da zu wenig Musik drin – Marx beschäftigt sich mit realökonomischen Fragestellungen; Metaphysik, Ontologie und andere spannende Themen finden sich bestenfalls zwischen den Zeilen.
Später, als ich die realökonomischen Fragestellungen spannender fand, hatten für mich andere Zeitgenossen, vor allem die Anarchisten wie Bakunin und Kropotkin mehr zu sagen.
Heute wundert mich ja am meisten, dass Marx auch zu seinem 200. Geburtstag noch nicht als neuer Heiliger der Work Life Balance, der öko-esozentrierten Selbstoptimierung und der Finde-dein-Selbst-Mentalcoaches avanciert ist. Schließlich war er es doch, der grundlegende Unzufriedenheit, Spannungen zwischen Ideellem und Materiellem, zwischen Anspruch und Realem beschrieben hat.
Gelesen habe ich trotzdem bis heute nur das Kapital – und dann auch nie wieder reingeschaut.

Linke Theorie liegt im Moment eher danieder. Das neu erflammende Interesse an Karl Polanyi ist befremdlich, verlässliche Visionsspekulanten wie Slavoj Zizek oder Chantal Mouffe versagen kläglich beim Versuch, real relevanter zu werden, kaum etwas wirkte bereits bei Erscheinen älter als der große Sammelband „Die große Regression“, in dem das Aufkommen rechter Politik diskutiert wurde.

Auf der anderen Seite gibt es das Jacobin Magazin: Cool aufgemachte linke Theorie, ein Magazin, das astronomische Verkaufszahlen hat (für ein Politik-Magazin, für ein Theorie-Magazin, eigentlich für jedes Magazin), und ein neuer Hoffnungsschimmer am politisch linken Horizont.
Der Aufstieg des Jacobin ist offenbar so faszinierend, dass der Suhrkamp Verlag dem Magazin eine eigene Anthologie in Buchform widmet. Auf 300 Seiten findet sich ein Best-Of diverser Artikel und Interviews. Und sehr viele davon drehen sich, wenn sie sich nicht um Bernie Sanders drehen, um Marx, Marxismus, Marx lesen und Marx verstehen.

Für einen Menschen, der politischer Theorie gegenüber sehr aufgeschlossen ist, ist das sehr ernüchternd. Von konservativer Seite ist nichts nur erwarten, weil das Bewahren (vor allem das Bewahren von Macht) selten herausfordernde Argumente hervorbringt. Liberale sind heute die intellektuell schwächsten – aus lauter Angst vor Ideologie und Dogmatismus beschränkt sich deren Theorieüberbau auf zu Hashtags eingedampften Spässchen im veganen Blondinenwitzformat. Die linken waren die mit Visionen, um die man spannende Theoriegebäude bauen konnte.
Und jetzt wollen sie auch nur mit Marx-Zitaten um sich werfen?

Vielleicht hat die Rückbesinnung auf weitgehend gefahrlose und inspirationsfreie Texte ja auch mit der Angst vor den gescheiterten Menschenbildern zu tun. Der Idealtyp konservativer Politik ist der verdienstvolle langjährige Angestellte, dessen Frau ihm abends die Pantoffeln zur Couch bringt. Liberale idealisieren einen farblosen homo oeconomicus, der immer rational handelt – es sei denn, es ärgert ihn gerade etwas. Der neue Mensch sozialistischer Visionen ist in den Blutbädern Chinas und Russlands untergegangen, geistert heute noch durch albanische oder rumänische LIteratur.
Dabei wäre gerade hier viel Platz für ansprechende politische Theorie: Von welchem Menschen reden wir, welche Bilder haben wir dabei im Kopf? Welche Verhaltensweisen und Ideale helfen, eine Welt zu schaffen, die wir uns wünschen?
Ich fürchte, dass viele davon nur über Verhaltensweisen – im Konsum, im Wirtschaften, im persönlichen Umgang und auch in der Kultur – erreicht werden kann. Revolutionäre Wirtschaftsordnungen, auch wenn sie sauber marxistisch-leninistisch durchstrukturiert sind, leisten das nicht, fürchte ich.

„Man muss die Menschen …“ – ach vergiss es

Es ist soweit: Auch die komplexitätsverliebtesten linken Theoretiker müssen heute Klartext reden; ihre Felle schwimmen davon. Vor fünf Jahren noch konnte man sich mit Visionen und deren Schönheit beschäftigen, sich einreden, die Konstruktion immer weiterer, durchaus auch ferner Visionen, sei eine Notwendigkeit. Dann kamen Trump, Duterte, Kurz, Macron und einige andere und spülten linke Politik ganz weit an die Ränder des Geschehens.

So marginalisiert wie heute waren linke Stimmen noch nie (wenn man auch ihre Relevanz miteinrechnet), so hilflos auf der Suche nach praktischen Handlungsanleitungen waren sie selten. Slavoj Zizek schafft es mit abenteuerlichen Konstruktionen, die Notwendigkeit des Klassenkampfs auch angesichts von Migrationsfragen als bestimmende Themen der Zeit zu retten, Chantal Mouffe steigt ganz tief hernieder und beschäftigt sich mit einer vermeintlichen Zukunftshoffnung linker Politik: „Linker Populismus“.

Die Voraussetzungen ihres Gedankengangs: Eine hegemoniale neoliberale Ordnung legt keinen Wert mehr auf Fronten zwischen Rechts und Links; politische Grenzen verschwimmen. Liberalismus und Demokratie sind zwei grundsätzlich positiv besetzte Begriffe, beide sind so etwas wie die Garanten westlicher Zivilisation, Errungenschaften, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Dabei sind es durchaus auch antagonistische Begriffe: Liberalismus pocht auf Individualität und verwehrt sich gegen Einschränkungen, Demokratie ist im wesentlichen ein Mittel. Einschränkungen zu legitimieren. Liberalismus negiert die Demokratie, diese wiederum negiert den Liberalismus, weil sie Freiheit an die Zustimmung vieler bindet.
Dieser Gegensatz wird durch gemeinsame Wurzeln von Liberalismus und Demokratie im Kampf gegen Absolutismus und Demokratie überbrückt.

Chantal Mouffe entscheidet sich nun nicht der Ordnung und der Demokratie halber tendenziell gegen den Liberalismus, für sie ist es eine Frage strukturell sauberer Logik. Es braucht Demokratie, also die Auseinandersetzung mit den anderen, weil politische Subjekte erst durch Repräsentation und Artikulation entstehen. Werte und Ideologien sind wertlos, wenn sie nicht in Kontext verankert sind, an Beispiele greifbar gemacht und an historischen Prozessen verständlich dargestellt werden. Politische Forderungen, die über einzelne Claims und Hashtags hinausgehen, die in ihrer Auswirkung auf gesellschaftliche Entwicklung deutlich werden sollen, sind auf ganze Ketten von Artikulation, Repräsentation und Spiegelung angewiesen. Für sich allein bleiben sie beliebige Begriffe, die jeder Mensch aus jeder politischen Position heraus beliebig ablehnen oder begrüßen kann.
Um dieses Problem zu lösen, schlägt sie eine Radikalisierung der Demokratie vor. Radikalisierung bedeutet: „Freiheit und Gleichheit für alle.“
Das eigentliche Problem dabei – das führt Zizek etwas deutlicher aus – ist dass sich die Vielzahl jeder, die diese Radikalisierung betreffen würde, nicht dafür begeistern lässt. Radikalität ist anstrengend und abschreckend, Feindbilder und Sündenböcke sind weitaus dankbarer. Mouffe führt noch hoffnungsvoll eine Reihe an sozialen Bewegungen – Occupy, Ciudadanos, Posemos, Oxi, La France Isoumise, Gilets Jaunes – ins Treffen und übersieht dabei, dass deren Radikalität sich entweder aus Richtungslosigkeit speiste (die drastischste Beispielen dafür sind Oxi und Gilets Jaunes) oder zu Staub zerfiel, sobald Fragen nach konkreten Anschlussmöglichkeiten lauter wurden (wie bei Occupy; wobei hier durchaus gilt: Das offene Ende war das beste und präziseste, das zumindest den Mythos am Leben gelassen hat).

Und weil auch Mouffe dann irgendwann zum Schluss kommen muss, landet sie dann bei einer wahrhaft schmerzhaften Wendung: Man müsse die Menschen dort abholen, wo sie stehen … Da hätte man ja gleich Politiker, Politikberaterinnen, Marketingleute oder Motivationstrainerinnen fragen können. Das ist das Radikalisierungsprojekt, auf dessen Basis sich gewinnbringender Populismus aufziehen lässt?

Dieses Rennen ist leider schon lange verloren; andere haben diese vermeintlichen Startblöcke schon lang gefunden und nicht nur einen uneinholbaren Vorsprung, sie haben schon mehrfach das Stadion umrundet, sich dabei gelangweilt und sich zu ganz anderen Ufern aufgemacht.

Der Gipfel solcher Plattitüden zeigt, wie traurig es wirklich um linke Visionen bestellt ist. Da wäre es noch besser gewesen, man wäre bei der hochabstrakten komplexitätsverliebten Theorie geblieben. Die lässt wenigstens Spielraum. Und manchmal liefert sie auch Inspiration.

Klassenkampf!!!

Fluchtbewegungen werden bei Žižek zur Beatmungsmaschinerie für linke Revolutionsvisionen. Das ist auch ein wenig zynisch.

Slavoij Žižek hat ein neues Buch geschrieben, ein kurzes, in dem er einige der Textpassagen, die ihn in „Vom Ereignis“ ,“Weniger als Nichts“ oder „Ärger im Paradies“ immer wieder wiederholt beschäftigt haben, hinter sich lässt. Er beginnt etwas neues, er widmet sich dem Klassenkampf.
Žižek Buch ist eines von mehreren, die auch als Symptom eines Wendepunkts in linkem Denken gelten können. Linke politische Theorie ist traditionell von Visionen getrieben, man schaut nach vorne, beschwört eine bessere Zukunft, ist gerne utopisch und muss sich auch gar nicht mit den Niederungen der Realpolitik aufhalten. Vorsichtigen Kritikern galt das auch immer als eine der Schwächen linker politischer Theorie: Theorie und Vision auf der einen Seite, Praxis und Handeln auf der anderen Seite blieben immer feinsäuberlich voneinander getrennt. Der Theorie fehlt so die Relevanz, der Praxis fehlen Vision und Begeisterungskraft.
Jetzt scheint der Zug abgefahren: Rechte Populisten sind am Ruder, linke Politik, die einfach überrollt worden ist, sieht ein, dass man hätte handeln müssen; dass Handlungen eine Vision gebraucht hätten, um in großem Stil zu funktionieren und um in der Bevölkerung Zustimmung finden zu können.
Denn das große Kraftereignis linker Politik, die Revolution in der alle Hoffnung kulminiert, ist immer noch ausgeblieben.

Like politische Theorie, die heute relevant bleiben möchte, geht daher mitunter seltsame Wege. In „Klassenkampf“ geht Žižek ganz vorn auf diesen Wegen. Ein paar Gedanken aus dem Buch:
Es ist ok, auf westliche Werte zu beharren und sich einen gewissen Eurozentrismus zu leisten – sowohl gegenüber Einwanderern als auch in wirtschaftlichem Handeln. Denn traditionelle westliche Werte haben nicht nur aus kultureller und an Menschenrechten orientierter Perspektive einen gewissen Reiz – sind sind, dort wo sie geschützt und bewahrt werden sollen, auch ein wirksames Mittel gegen globalen Kapitalismus. Denn wer westliche Werte bewahren will, der liefert sich nicht dem chinesischen Turbokapitalismus aus. – Das ist geradezu ein Aufruf an Linke, auch mal wertkonservativ zu sein.
Ein zweiter Punkt ist die Richtungslosigkeit des Klassenkampfs: Plünderungen in London in den frühen Jahren der Finanzkrise hatten keinen erkennbaren Hintergrund. Sie begannen in zeitlicher und räumlicher Nähe zu politischen Kundgebungen, ließen sich aber nicht zuordnen, sie enthüllten keine politische oder klassenkämpferische Botschaft. Žižek interpretiert die Riots als ein Beispiel von Walter Benjamins „göttlicher Gewalt“, die keinen Sinn und kein Ziel hat, sondern nur Zerstörung bedeutet.
Diese offensichtliche Richtungslosigkeit verstärkt die Bedrohung, die andere empfinden und führt zu neuen und seltsamen Allianzen. Rechtspopulismus ist ein willkommener Verbündeter des Kapitals, meint Žižek, weil seine Versprechungen helfen, das Proletariat ruhighalten. Versprechungen, starke Männer, Feindbilder lenken den Unmut der unteren Klassen in kontrollierbare Bahnen; die herrschende Klasse toleriert, so Žižek, den moralischen Krieg der Populisten als ein Mittel, die unteren Klassen in Schach zu halten.
Das ist ein sensibles Gleichgewicht, das nicht zuletzt auch durch Zuwanderung bedroht wird. Denn Zuwanderer werden von populistischen Verheißungen nicht eingelullt, sie werden ausgeschlossen. Der in Zuwanderer projizierte Kulturkampf ist so in Žižek Sichtweise verschobener Klassenkampf.

In dieser Zuschreiben stecken zwei Bedeutungen: Die Ablehnung von Zuwanderern öffnet eine Kluft, die Raum für Klassenkampf schafft. Und anderswo wird der Klassenkampf offen ausgetragen – allerdings ebenfalls mit verschobenen Fronten. Žižek interpretiert den Kongo-Krieg und die folgende Dauerkrise im Kongo als Konflikt, in dem es vorrangig um kapitalistische Interessen geht, die nur notdürftig in lokalen Konflikten getarnt sind.
Zuwanderer hätten demnach das Potenzial, die eigentlich revolutionären Kräfte zu sein. Der westeuropäische Arbeiter ist zu sehr gesättigt und zu sehr am Gängelband patriotischer Populisten, um noch revolutionär zurechnungsfähig zu sein, revolutionäre Refugees wären da viel eher eine Kraft, mit der man rechnen muss. Insofern sind die auch doppelt bedrohlich: Sie gefährden die wohlige Ruhe des Kapitals und des Patriarchats gleichermaßen; sie machen umso deutlicher, dass niemand diese Revolution will – mit Ausnahme von ein paar politischen Theoretikern.
Zwei Anmerkungen dazu: Der Gedanke ist nicht neu. In den 70er Jahren nannte man das die Schmarotzerstaaten-Theorie und beschrieb damit die Enttäuschung, dass die Arbeiterschaft in den westlichen Industriestaaten nicht neue zur Revolution zu gebrauchen schien. Auch damals schon setze man einerseits Hoffnung auf in den Westen strömende „Gastarbeiter“, andererseits gab man sich sehnsüchtigen Phantasien über die noblen wilden Linke Lateinamerikas hin. Beides endete unglamourös unrevolutionär.

Diese Wendung offenbart die entsetzliche Ratlosigkeit linker Theorie. Damit meine ich nicht nur ihren Mangel an Originalität, es ist vor allem die nun schon über hundert Jahre nicht an Glanz gewinnende Revolutionsverliebtheit, die schockiert.

Es gibt kein revolutionäres Subjekt mehr (gab es auch zu Zeiten der Oktoberrevolution nicht, fragt Trotzki, der daran verzweifelte, mit russischen Bauern anstelle von europäischen Industriearbeitern Revolution spielen zu müssen); Revolutionsgeschwafel ist auch heute nicht freundlicher als zur Zeit der französischen Revolution.
Man muss keinem konsumkranken Proletariat kämpferischen Esprit einhauchen, man muss ebendiesem aber auch nicht tröstend Mut zusprechen oder ihm zuhören und seine Sorgen ernst nehmen, wenn es um den eigenen Wohlstand fürchtet. Das nämlich, so versteigt sich auch Žižek, sieht Žižek als eine der hoffnungsreichste Qualitäten von Bernie Sanders. Man müsse ihnen aber, damit rettet sich Žižek wieder vor der vollkommenen Plattitüde, auch klarmachen, dass in erster Linie sie selbst Verantwortung für die Zerstörung ihrer Lebensweise tragen: Sie konsumieren, geizen, fordern und faulenzen, sie bewundern Rücksichtslosigkeit und belohnen Gewalt, die sich durchsetzt, und sie lassen sich Angst einjagen, die lähmt und sich in der Lähmung multipliziert.

So wird das nichts mit dem Klassenkampf.

Wo Žižek allerdings wieder zielführendere Perspektiven auf den Plan bringt, ist die Verschiebung von Klasse zu Kultur als dominierende Trennlinie der Gegenwart. Kultur, definiert Žižek, ist der Name für all die Dinge, die wir praktizieren, ohne wirklich an sie zu glauben, ohne sie ernstzunehmen. Ein Kulturkampf ist für Žižek kein Kampf zwischen Kulturen, sondern die Frage, wie wir damit klarkommen und umgehen, dass verschiedene Kulturen nebeneinander existieren und damit doch die Frage nach einer Leitkultur.
Als solche empfiehlt sich durchaus eine westlich orientierte, eine, die es sich unter anderem ja auch zum Ziel setzt, globale Fluchtursachen zu beseitigen. Damit kommt Žižek dann allerdings wieder auf eines seiner Lieblingsthemen. Die Beseitigung von Fluchtursachen geht in seiner Sichtweise mit einer Beseitigung von Ungleichheit und der Eindämmung kapitalistischer Umtriebe einher. „In meiner Jugend nannte man solch einen organisierten Versuch, das Gemeingut zu regulieren, Kommunismus. Vielleicht sollten wir ihn neu erfinden.“
Damit bekommt der Klassenkampf – einmal mehr in der Ferne, so wie früher in Lateinamerika oder in der Karibik – doch noch einmal seine Berechtigung …

Friederike Mayröcker hat gelesen und ich habe nachgedacht

In jungen Jahren habe ich öfters versucht, irgendwo an der Literaturszene anzudocken. Dort waren meistens streng riechende ältere Männer, Ökos in bunten Wollpullovern und ältere Damen mit Leopardenmusterfärbung im kurzen silbernen Haar.
Daran hat sich wenig geändert; die Menschen sind noch älter geworden, und wieder gibt es mittendrin ein paar Mittzwanziger auf der Suche.

Gestern las Friederike Mayröcker im Rahmen einer Soiree in der ÖGS, sazu zeigte Stefan Gabi einige Bilder, Karin Nasa spielte die Koto eine 25saitige Art japanische Zither, die fallweise klingt wie drei virtuos gespielte Gitarren.
Die Literaturwissenschaftlerin Aurélie Le Née sprach einleitende Worte, und mir wurde wieder mal klar, sarum ich den Kontakt zur Literaurszene (nicht zur Literatur) verloren habe, und warum eine geisteswissenschaftliche Karriere schon sehr früh keine Option für mich war.
Fabis Zeichnungen erinnern an Picasso, Mayröcker erwähnt Picasso in einem der Texte, Le Née erklärt, dass Mayröcker wohl beim Schreiben der Texte an Picasso gedacht hat. Mayröcker schreibt in einem der Texte, sie hänge am Zeiger der Uhr wie Charlie Chaplin. Le Née erklärt, dass Mayröcker sich damit auf einen Film Charlie Chaplins bezieht, in dem dieser am Zeiger einer überdimensionalen Uhr hängt, wobei Charlie Chaplin ja in der Uhr war; an der Uhr hing Harold Lloyd in einem anderen Film.

Ich habe nie Sinn darin gesehen, Menschen zu erklären, was sie gerade gesehen haben. Ich habe es auch nie verstanden, warum man Bücher schreibt, um dann, im gleichen Stil und in vorgegebener Form, der Wissenschaftlichkeit halber, zu erklären, was in anderen Büchern steht. Wenn das jemanden interessiert, kann er oder sie dieses Buch doch selbst lesen. Und wenn es nicht interessant ist, dann wird es auch durch Nacherzählung oder Interpretation nicht interessanter.
Das ist natürlich nicht nur ein schlechter Start für eine dann gar nicht gestartete geisteswissenschaftliche Karriere, sondern auch eine etwas unkommunikative Einstellung. Da verbringst du viel Zeit damit, Bücher zu lesen, hättest einiges dazu zu erzählen – und tust es dann nicht.

Ich möchte ja niemandem etwas vorenthalten, ich zwinge mich manchmal geradezu dazu, etwas zu erzählen. Aber heimlich halte ich es doch für einen Akt der Unhöflichkeit. Denn du erzählst damit Menschen etwas, das sie schon wissen (dann, wenn sie sich nämlich auch dafür interessieren und etwas dazu gelesen haben), oder du langweilst sie mit etwas, das sie ausdrücklich nicht interessiert (sonst hätten sie sich ja damit beschäftigt).
Das hat übrigens Lehrer an Schule und Universität schon immer zur Verzweiflung gebracht. Denn für mich war immer klar: Es ist ja klar, dass ich das weiß, ich lese ja viel; also werde ich nichts dazu sagen. Denn viel spannender ist doch, ob andere vielleicht auch etwas dazu zu sagen haben.
Ich halte also nicht viel davon, Dinge nachzuerzählen, die ich wo gelesen habe, ich stehe historisierenden Nachnachnacherzählungen, die sich dann vielleicht noch bemühen, irgendwelche Kuriositäten einfließen zu lassen, mit Grausen gegenüber.

Das wäre natürlich eine Einstellung, die das gesamte kulturelle Leben zum Erliegen bringen würde. Und manchmal rede ich ja auch über Kultur. Aber was wäre dann der Ansatz, mit dem sich etwas sinnvolles sagen ließe? Oder ist es umgekehrt und im Gegenteil das große Verdienst langweiliger Kulturdiskurse, nicht auffallen, nicht unterhalten zu müssen, sonder schlicht auch mal widerspiegeln zu können, was gerade Sache ist? – Letzteres passiert natürlich nie; alles passiert mit einer Position und auch mit einer bestimmten Richtung.
Im Wesentlichen sind es drei Archetypen kultureller Diskurse, die mich immer wieder zum Schweigen bringen:
1. Bewunderung: Ich wollte gar nicht bewundert werden und ich will schon gar nicht Anerkennung sammeln oder andere zum Schweigen bringen; ich wollte nur eine kurze Geschichte erzählen, die mir gerade eingefallen ist und die sich nur deshalb in irgendeinem kulturellen Umfeld bewegt, weil ich wenig anderes zu sagen habe. Also, ich wollte das nicht; können wir über etwas anderes reden?
2. Die vermeintlich gebildeten und belesenen Allwissenden: Es gibt diese Typen, die von sich glauben, viel zu wissen, und auch gerne darüber reden. Weil sich das nicht immer oder ihrer Meinung nach nicht oft genug ausspielen lässt, nötigen sie dann oft andere, sie etwas zu fragen oder sie herauszufordern. Dann predigen sie bruchstückhaftes Faktenwissen, lassen ambivalente Interpretationen vermissen und vermeiden schwierige Spielräume. Dann strahlen sie dich an, als hätten sie dir gerade ein tolles Geschenk präsentiert, warten auf Bewunderung, bereiten schon ihre nächste Geschichte vor und bekommen gar nicht mit, dass dein neutrales Gesicht nicht auf Schwerhörigkeit oder mangelndes Verständnis zurückzuführen ist oder das Ergebnis mit großer Contenance überspielter Fremdscham ist.
3. Die Stichwort-Vampire Sie lauern auf Reizworte, und kaum ist eines gefallen, reißen sie die Aufmerksamkeit an sich, biegen zu einem minutenlangen Umweg ab, verpacken möglichst viele Nebensächlichkeiten in einen ausufernden Spannungsbogen, unterstellen dir Irrtümer, um dir vorhalten zu können, dass alle anderen außer ihnen oberflächlich sind, und auch sie hören nicht auf zu reden und dafür dann Anerkennung und Bewunderung zu heischen. Das Gefühl, das sich dann breitmacht, ist ähnlich dem großen Bedauern, das sich einstellt, wenn du dem untalentierten Gastgeber-Koch höflichkeitshalber eine anerkennende Bemerkung gemacht hast und dich vor einem nächste ekelhaften Haufen ungeliebten Fraßes wiederfindet.

Das ist eine ziemlich traurige Zustandsbeschreibung. Aber während ich noch darüber nachdenke, ob ich vielleicht zu schwarz male, erkennt mich einer der streng riechenden schlecht gekleideten Herren als alleinstehendes Opfer, schiebt sich ein letztes Brötchen in den Mund und hebt, noch kauend, Brösel spuckend und eine fettige Hand nach mir ausstreckend, an, irgendetwas zu erklären, das ich nicht wissen wollte.
Ich verlasse den Abend und werde mich bei nächster Gelegenheit wieder voll froher Hoffnung von neuem auf die Suche machen. Und ich werde weiter darüber nachdenken, warum es mich so selten freut, von den Ideen, die mich am meiste beschäftigen, zu erzählen.

Beastie Boys Book

40 Jahre gegen den eigenen Erfolg arbeiten – das ist wahrer Luxus.

Was ich am Beastie Boys Book am meisten liebe: Der Sticker auf dem Cover wurde offenbar tatsächlich erst nachträglich eingeplant, nachdem irgendein kritischen Menschen aufgefallen war: „Verdammt, wir haben dieses dicke Buch gemacht und echt vergessen, auch nur irgendwas aufs Cover zu schreiben.“ Die ersten Ankündigungen und Vorbestellung-Aussendungen zeigten das Buch noch mit dem nackten Cover, ohne jeglichen Titel.

Es hat knapp 600 Seiten, ist bunt und wurde etwas zu spät begonnen. Adam Yauch ist 2012 gestorben und hat den Beginn der Arbeiten an diesem Buch – offenbar eines dieser Projekte, von denen man immer wieder redet, die man immer wieder verschiebt und von denen man immer noch glaubt, ausreichend Zeit für sie zu haben – nicht mehr erlebt. Also schreiben mit Mike D und Adam Horowitz die zwei verbleibenden Beastie Boys. Yauch bleibt der abwesende große dritte, auf den viel zurückzuführen ist und dessen Einfluss wohl jetzt noch viel klarer zutage tritt als zu Lebzeiten.
Die Beastie Boys erzählen ihre Entwicklung von jungen, nicht besonders auffälligen, nicht besonders talentierten, eigentlich in gar nichts außergewöhnlichen Jungs, deren größtes Talent es war, offen für Einflüsse durchs Leben zu gehen, zu erfolgreichen Stars – die sich dann aber auch einer Starkarriere verweigert haben.

Musikalisch war ihre Entwicklungslinie wohl die vieler Kids, die mit glattem Pop nichts anfangen konnten. Punk und ein wenig Metal geben die Grundhaltung vor, aber dann schlägt die Erkenntnis zu, dass HipHop eigentlich viel cooler ist, Punk stilistisch und inhaltlich um Längen schlägt und viel mehr Verhaltensmuster offenlässt, als die Perspektive, möglichst schnell und möglichst destruktiv zu einem möglichst totalen Ende zu kommen.
Die musikalischen Frühwerke blieben trotzdem von der Idee geprägt, möglichst schnell mit möglichst viel Krach möglichst viele Klischees durch den Fleischwolf zu drehen, dabei aufzufallen und einen möglichst bleibenden (wenn das hilft auch möglichst schlechten) Eindruck zu hinterlassen.
Ausreißer wie „Fight for your right“ und „No sleep till Brooklyn“, die den eigentlichen musikalischen Erfolg begründeten, sind auf Beastie Boys-Sicht offenbar Unfälle, die auf Launen des Produzenten Rick Rubin zurückzuführen sind. Rubin galt in frühen Jahren als Freund, verwandelte sich aber offenbar schnell in das Abziehbild des Musikmanagers, der Alben am Reißbrett plant und rein auf kommerziellen Erfolg hin trimmt. Dem verwehrten sich die Beastie Boys; die Erwartungen, des Labels Def Jam, dass nach der Veröffentlichung von Licensed to Ill gleichzeitig getourt und Neues produziert werden sollte, um schnell wieder verlautbare Tonträger zu haben, führte dann bald zum Bruch.
Auffallend ist auch, dass D und Horowitz mit keinem Wort erwähnen, dass Slayer-Gitarrist und -Miterfinder Kerry King Gastauftritte auf Licensed to Ill hat. – Es scheint auf eine Laune des Labels zurückzuführen zu sein, die ihnen grundsätzlich egal war.

Der frühe Erfolg hat sich jedenfalls trotzdem ausgezahlt. Die Beastie Boys produzierten in aller Ruhe weiter vor sich hin, hatten mit Pauls Boutique eine Platte ohne große Highlights, mit Check your Head etwas schwer Einordenbares aber doch sehr Eingängiges, erst auf Ill Communication gab es dann wieder ein wenig Rückbesinnung auf die Anfänge mit schnellen und kurzen Punk-Phasen.
Ill Communication war auch in vielen Beastie Boys Fan-Karrieren das Ende; die Platte passte 1000prozentig in ihre Zeit, das Grand Royal-Imperium der Beastie Boys produzierte viel Neues. Nichts davon war aber geschaffen, die frühen Neunziger zu überleben. Blättert man heute durch Ausgaben des Grand Royal Magazine, die in den 90er Jahren hier von Europa aus ein unerreichbar cooles Mysterium waren, dann wirken sie bestenfalls noch etwas befremdlich
Den Beastie Boys war all das offenbar egal, sie experimentierten, so zumindest die eigene Erzählung, einfach ungestört weiter. Davon blieb allerdings wenig greifbar, trotz einer sehr beschäftigten Zeit blieben die Erfolge, von denen jeder sprach, aus. Hot Sauce Committee war noch mal eine Art Rückbesinnung auf alte Stärken und setzt die mit Licensed to Ill und Ill Communication begonnene Linie fort; ein Jahr später war Adam Yauch tot.

Beastie Boys Book ist eine extrem detaillierte und dabei erstaunlich lesbare Nacherzählung von knapp 40 Jahren Musikgeschichte. In den ersten Jahren dieser Geschichte war Auffallen um jeden Preis die bestimmende Maxime, danach konnten sich drei Musiker das ständige Oszillieren zwischen einer Haltung als arrivierte Stars, neugierige Jungs und Enfants Terribles leisten.
Und ich bin grundsätzlich kein Freund davon, Erfolg, Aktivität oder Energie mit Orten zu verbinden, also Misserfolg auf eine langweilige Umgebung oder eine passive Stadt zurückzuführen. Gerade Storys wie die der Beastie Boys oder von Henry Rollins, die mit viel Willen und ohne jede Voraussetzung sehr viel geschaffen haben, sind wohl doch eher auf das Zusammenwirken vieler günstiger Faktoren zurückzuführen. Und die Chance, kommerziellen Erfolg auch nachhaltig weiterzutreiben und in künstlerische Freiheit zu verwandeln, ist außerhalb US-amerikanischer Großstädte auch etwas dünner gesät. Ich zumindest kann mir Beastie Boys ohne das New York der Neunziger ebenso wenig vorstellen wie Henry Rollins ohne Los Angeles – und umgekehrt gilt das im übrigen genauso …

Schönheit müsste nicht platt sein

Es beginnt schon mit den plattesten Platon-Zitaten, die sich halt sehr leichtsinnig als Plattitüden zur Verfügung stellen. Die Gleichsetzung von Gutem und Schönem, das dann irgendwo auch wahr sein soll, ist ein plakativer Aufhänger – aber eher eine Diskussion über Wahrheit, Ethik und Erotik als eine über Schönheit. Wollte man Philosophieren, dann hätte man im Konversationslexikon zur ästhetischen Philosophie auch einmal umblättern können, um bei Kants Ästhetik des Erhabenen zu landen oder gar bei Hegel und seinen Vorläufern expressiver Kunsttheorien.
Aber das hätte die – auch so mehr als fragwürdige – Voraussetzung der Ausstellung ins Wanken gebracht: Schönheit müsse rehabilitiert werden, finden Sagmeister und Walsh als Ausstellungsmacher offenbar, und unterstellen Designern und Gestaltern des 20. Jahrhunderts, dass diese Schönheit missachtet hätten.
Ein ornamentfreies Gebäude (ja, auch Loos kommt vor) ist nun aber nicht zwangsläufig weniger erhaben als ein reich verziertes – um den vermeintlichen Angriff auf die Schönheit mit nur einer beliebigen ästhetischen Theorie (in diesem Fall eben Kant) ins Wanken zu bringen.
Und schlicht wirklich dumm wird es dann, wenn man den Anspruch der Ausstellung ernst nimmt: Ein Exponat ist eine Vitrine mit Trinkgefäßen aus mehreren Jahrhunderten. Kelche, Cocktailgläser, Tumbler, Weinpokale bilden eine lange Reihe, die, als Stellvertreter für die Gegenwart, mit einem Wegwerfplastikbecher endet. Keiner der anderen Becher war als Wegwerfprodukt konzipiert. Keiner der anderen Becher wurde unter der Vorgabe, leicht, stapelbar, einfach transportierbar und absolut kostengünstig zu sein, gestaltet. Keiner der anderen Becher kommt unter vergleichbaren Bedingungen wie der Plastikbecher zum Einsatz – auf Festivals, Straßenfesten oder zum Transport von Urinproben. Uns selbst die platte und in der Ausstellung allein angesprochene Theorie vom Schönen als Gutem könnte am ehesten im Plastikbecher ihre Erfüllung finden – sofern dieser etwa nachhaltig produziert und rücktstandsfrei zu entsorgen ist. Woran man im übrigen auch sieht, dass diese Theorie des Schönen von den aktuellen Anforderungen an das Gute abhängig ist.
Ebenso platt und umstritten (wenn nicht schlichtweg falsch), ist die Behauptung, Faustkeile und Steinbeile seien nur aus ästhetischen Gründen symmetrisch gestaltet worden. Ein symmetrisches Werkzeug ist ungleich praktischer, weil man weniger darauf achten muss, wie man es in der Hand hält. Dass sich daraus dann auch ästhetische Standards entwickelt haben, hinter denen andere Werkzeugmacher nicht zurückbleiben wollten, mag sein. Und es gibt sogar empirische Daten dazu, dass symmetrische Faustkeile vor allem ungeübten Arbeitern die Arbeit leichter machen.
Von dieser Ausstellung bleibt ein wenig Ratlosigkeit und die Ahnung, dass bekannte Namen eben auch ihre schönen und guten Seiten haben. Jeden anderen hätte man nach der Vorstellung dieser Ausstellungsidee mit einem ratlosen „Na und?“ nach Hause geschickt.

Prügelei oder Fasching?

Henry Rollins erzählt die Geschichte hartnäckig: 1983, beim Auftritt in der Wiener Arena, habe die Polizei nach dem rechte sehen wollen. Das aufgebrachte Publikum habe allerdings die Polizei verprügelt (mitsamt den Polizeihunden), der Polizisten Kappen und Jacken abgenommen, und in Polizeiuniformen weitergefeiert.
Black Flag sei daraufhin etwas eingeschüchtert gewesen, habe die Show schnell zu ende gespielt und sei froh gewesen, Wien am nächsten Tag Richtung Italien verlassen zu können.
Die Geschichte findet sich in „Get in the Van“ in Buchform, Rollings erzählt sie auch heute noch, wenn er mit seiner Reisediavortragsshow in Wien Station macht.
Ich frage mich eher, ob da nicht Drahdiwaberl in der Arena vorbeigeschaut hat, und nehme die Geschichte als ein Beispiel dafür, dass sich Mythen aus der Entfernung viel leichter spinnen lassen.
Bei Rollins meisten Erzählungen in „Get in the Van“ werde ich sonst eher leicht wehmütig und denke mir, ich hätte den amerikanischen Straight Edge Punk gerne früher kennengelernt, statt mich mit der europäisierten Comedyversion in Form der Sex Pistols aufzuhalten. Das ist aber unfair – und ebenso ein Beispiel dafür, dass Mythen mit der Distanz schöner werden.
Wahrscheinlich hätten mich die amerikanischen Punks genauso schnell gelangweilt wie die Gestalten im Burggarten, unter denen ich mich als etwa Vierzehnjähriger eine Zeitlang ernsthaft auf die Suche nach intelligentem Leben gemacht habe. Gras und Heroin gab es genug, sonst war dort nicht viel kennenzulernen. Wenn ich heute an ähnlichen Szenen vorbeigehe, ist mir auch völlig schleierhaft, was ich dort gesucht hätte oder wie ich jemals auf die Idee gekommen bin, mich mit der menschlichen oder kreativen Seite von Junkies auseinanderzusetzen.
Trotzdem bleibt ein wenig die Unsicherheit, ob es nicht doch auch einen Unterschied macht, wo man – in vielleicht der gleichen aufgeschlossenen Naivität – durchs Leben geht. Rollins, die Beastie Boys, viele andere Kreative, die vielleicht gar nicht handwerklich erste Wahl waren, haben es mit harter Arbeit und Aufdringlichkeit recht weit gebracht. Im Wien der gleichen Zeit war neben einer sehr platzgreifenden Szene wenig Raum für anderes. Alles andere war eher zu verdrängen und wir auch heute noch rückblickend ignoriert. Ich habe – als kurze Nebenerzählung dazu – aufgehört mitzuzählen, wieviele Menschen ich schon kennengelernt habe, die mir eindringlich erzählt haben, die hätten den Wiener miterfunden oder zumindest maßgeblich mitentwickelt. Erstens: Wieviele Menschen braucht man für ein Magazin? Zweitens: Den Wiener? Damals schon aus Sicht eines Teenie-Metalheads der Inbegriff eines glatten, langweiligen und verkommerzialisierten Mainstream; wer wollte denn jemals etwas damit zu tun haben? Erzählt wird die Geschichte aber heute noch so, als habe es im Wien der 80er Jahre nichts anderes gegeben.
Heute sind die Klüngel älter, aber nicht kleiner geworden. Es gibt mehr verschiedene davon und es ist auch recht leicht, seinen eigenen Klüngel zu konstruieren; jede und jeder kann sich selbst aussuchen, wo er oder sie der oder die Größte sein will. Relevanter wird dadurch nichts. Dynamik ist auch sehr selten. Denn eine der wichtigsten Verhaltensregeln für Wiener Klüngel ist es, andere Klüngel maximal zu ignorieren. Aufmerksamkeit ist das wichtigste Gut, das man nur sammeln, keineswegs aber verschenken darf.
Das ist etwas, womit man sich in den Zeiten von Rollings noch deutlich leichter tat: Weniger Kommunikation, weniger Information, dafür mehr Begeisterung – man konnte und durfte noch ehrlich auf etwas abfahren. Und darin zum Beispiel ist Henry Rollins noch heute ziemlich gut: Er ist ein wandelndes Stück Begeisterung, das Nerds, die sich in Büchern, Musik oder Comics vergraben, ein gutes Gefühl gibt.

Ich kann den Emo-Müll nicht mehr sehen

Kinderaugen, größere Kinderaugen, vergessene Teddybären, Nonnen, alte Nonnen, uralte Nonnen, sehr dicke Menschen, sehr dünne Menschen, Zahnspangen- und Brillenträger, Babykatzen, Kulleraugenzeichentrickfiguren, alle werden zu Helden. Nicht etwa, weil sie etwas Großartiges auf die Reihe kriegen. Nein, sie machen langweiligen Alltagskram, verwandeln sich dabei in abgefahrene Superhelden und werden von allen Gaffern rundherum abgefeiert und bejubelt.

Es war ja nur eine Frage der Zeit. Eine Generation, die mit Emotion, Storytelling, Entertainment-Overkill und der ständigen Angst vor Überlastung von der ersten Vorschulklasse weg groß geworden ist, kommt in der Kommunikationsbranche an die Drücker und macht Werbung für eine Generation, die von ihnen schon gelernt hat, dass die Welt Kacke ist, wenn man sie sich nicht schön lügt.
Und weil trotzdem nicht alle Hand in Hand mit Regenbögen kotzenden Einhörnern über immerbunte Blumenwiesen laufen, muss das eben so lange dargestellt werden, bis nichts anderes mehr zu sehen ist.

Kampagnen, die an der Realität anknüpfen, diese weiterspinnen, eine Idee weiterentwickeln, Neues in die Welt bringen, oder auch nur dazu geeignet wären, Neues zu begleiten – ich seh das nicht mehr.

Und nein, früher war nicht alles besser. Da konnte man sich über anderes aufregen. Action-Feelgood-Emotionskram ist heute für mich jedenfalls Schweißfüße und Knoblauchfahne einer Marke: ein deutliches Zeichen, Abstand zu halten.

Und dazu muss ich noch nicht mal schlechte Laune haben.