Das ist nicht lustig



News aus Nerdland. "Man sollte um die Zeit nichts Alkoholfreies mehr trinken", sagen viele Barkeeper, wenn ich um zwei Uhr morgens noch einen Virgin Mojito bestelle. Damit spielen sie das Image des smarten Trickster Barkeepers aus längst vergangenen Zeiten aus, der seine Gäste im Auge hat und mit einem sanft abgestimmten Drogenspiegel versorgt. Manchmal ist es auch nur lustig gemeint.
"'Man sollte' ist zu jeder Tageszeit ein Spruch für Weicheier", antworte ich dann meistens und spiele damit den Straight Edge Punk aus, der es mit klarem Kopf und klaren Prinzipien locker mit den Film-Noir-Reminiszenzen eines Barmanns aufnimmt, dessen Job sich schliesslich, strukturell betrachtet, nicht wesentlich von dem einer Pfarrersköchin oder Haushälterin unterscheidet.Die Szene endet dann meist so, dass wir einander nicht besonders mögen, ich aber meinen Drink bekomme, schliesslich muss die Haushälterin ja ihren Job machen, und der Barmann sich wieder eine Geschichte zurechtlegen kann, welche Freaks ihm des nächtens so begegnen.

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Der britische Spectator hat eine seine September-Ausgaben unter das Motto "Thought Crime" gestellt. Dahinter verbirgt sich eine Abrechnung mit Moral- und Humorpolizei und Kritik am Umgang mit Kritikern. Die Quintessenz: Grossbritannien ist ein freis, faires, humorvolles offenen und diskussionsbereites Land - es sei denn, du bist weiss, männlich, hetero, nicht arbeitslos und stehst der Einwanderung kritisch gegenüber.
Verlockend. Und eine durchaus übliche Praxis, gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich Bankangestellte zu Propheten, Politikern und Führern aufschwingen.
Spass und freie Meinungsäusserung müssten doch möglich sein.

Natürlich ist das erstrebenswert. Aber diese Einstellung setzt voraus, dass das Publikum fähig ist, zwischen Reden und Handeln zu unterscheiden, zwischen Beschreibung und Parodie.
Parodie, ironische Verschiebung, Witz - all das ist nur dort möglich, wo ein Grundkonsens vorausgesetzt wird. Das gilt auch unabhängig von der Bildung des Publikums. Wer etwas ganz anderes sagen will, wird die Scherze des anderen nicht lustig finden.
Da fängt der Sinn für Humor und Offenheit erst an.

Wenn klar strukturierte Welten nicht aufeinanderprallen, wie in der harmlosen Unterhaltung mit dem Barkeeper, wo sich jeder kurz mal denkt "Was für ein Idiot", sondern weit aneinander vorbeifliegen und oft auch im Flug erst entstehen, dann muss man eben kurz mal auf die Bremse steigen und sagen, was Sache ist.
Ohne ironische Verschiebung von Bezeichner und Bezeichnendem - denn die reale Verschiebung ist oft grösser, als sie irgendein humorvoller Bruch konstruieren könnte.
Die Gefahr besteht, dass der andere sich sonst ausserhalb eines unterstellten Grundkonsenses positionieren muss, ob er will oder nicht - und dann ist gleich wieder das Abendland in Gefahr. Egal ob für Strache, Schirrmacher oder den britischen Humor.

Das ist jetzt ziemlich humorlos, oder? Ist aber nicht mein Problem.

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