Wohnzimmerherausgeber statt Buergerjournalisten

Im aktuellen economy greift Autorin Margarete Endl unter dem Titel “Dossier Mediendemokratie – Blog oder stirb” die Frage des Werts von Blogs und anderen neuen Online-Medien als Medien auf. Schnell kommt sie dabei zur Sache mit der Anonymitaet: unter deren Deckmantel werden vor allem in Onlineausgaben klassischer Medien of hasserfuellte Postings veroeffentlicht; es wird auch Falter-Herausgeber Armin Thurnher bemueht, der in einem seiner Kommentare festgehalten haben soll, dass er Onlinemedien so lange nicht ernst nehme, als diese Moeglichkeit der Anonymitaet bestehe. Das sei feig.
Diese Ansichten sind in Zeiten von Lauschangriff, Telekommunikationsueberwachung, aber auch von Facebook, Xing oder MySpace ein bemerkenswerter Anachronismus. Nicht nur technisch ist die Identifikation von User im Internet leichter moeglich als in jedem anderen Medium, auch inhaltlich geht die Entwicklung eindeutig in Richtung Persoenlichkeit, Identifikation, Benennung.

Mich interessiert aber etwas ganz anderes: Medien bieten Perspektiven auf die Realitaet, auf das was ist. Dutzende Hassposter sind der Realitaet um einiges naeher als ein bemueht schreibender Journalist, sie sind einach ein groesseres Stueck davon. Auch ich will das nicht lesen, der Informationsgehalt – etwa was den Ausgang kuenftiger Wahlen (sind die nicht auch anonym?) betrifft – ist aber auch unbestreitbar. Ich moechte meine Zeit nicht mit den bemuehten Fomulierungen schoenschreibender Journalisten verschwenden – in Informationsmedien suche ich Information und moechte schnell zur Sache kommen.

Die Muendigkeit ist weniger eine Frage des Autors, sondern des Lesers: was macht er aus der Information, in welche Beziehungen stellt er sie, was glaubt er, was prueft er nach. Dabei ist grundsaetzlich egal, was die Quelle ist. Dem gedruckten und unterzeichneten Wort einen hoeheren Stellenwert einzuraeumen, ist ein Zeichen von Eitelkeit. Der zweite Punkt: welche Gesellschaftsauffassung steckt denn dahinter, Anonymitaet mit Feigheit gleichzusetzen? Hat jemand Repressalien zu befuerchten? Gibt es Konsequenzen? Und wenn es die gaebe – warum sollte man sich diesen stellen?

Hinter der moralischen Betonung von Ehrlichkeit steckt eine Ueberhoehung des Individuums, von Subjektivitate – und schliesslich von Beliebigkeit. Ist es letztlich nicht egal, wer wo spricht? Nicht ganz – aber ob dahinter eine Kombination aus Vor- und Nachname steckt oder ein Nickname ist egal. Beide haben nur indirekte Verbindung zu einem Menschen dahinter; ich kenne Sie nicht, nur weil ich Ihren Namen kenne.

Zuletzt zur Befuerchtung der Mittelmaessigkeit: Natuerlich; die Qualitaet von Medien scheint indirekt proportional zu Quantitaet zu sinken. Je mehr publiziert wird, desto mehr Schrott ist dabei. Nachdem das aber wohl immmer schon so war und von Art und Traeger des Mediums unabhaengig ist, ist das nicht ueber Medien selbst zu loesen. Es ist die Verantwortung des Users, seine Informationswelt selbst zusammenzustellen. Im Schatten des sogenannten Buergerjournalisten ist schon laengst der Wohnzimmerherausgeber gross geworden: Er behandelt alle Medien als Nachrichtenquellen, stellt sich teils technisch teils durch veraenderte Lesegewohnheiten sein eigenes Medium zusammen und ist den Tendenzen kommerzieller Medien nicht mehr ausgeliefert. Konkurrenz oder Gefahr fuer traditionelle Medien sind nicht Blogs, Anonymitaet oder private Massenpublikation, sondern ihre eigenen Leser.

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